Sonntag, 3. Juni 2018

Wohnungsnot in Frankfurt – ein kurzer literarischer Kommentar

„Zündet die Häuser der Reichen an!“


„Passt dir was nicht?“ Vera blickte Ben direkt ins Gesicht. Angespanntes Schweigen beherrschte für einen kurzen Moment den Raum. Bens Antwort war leise, aber er schaute Vera dabei in die Augen: „Ich habe immer noch Bedenken.“ „Ich auch“, flüsterte Lisa während sie auf die Tischplatte starrte. Moritz sagte gar nichts, sein Gesicht war ausdruckslos. Vera holte Luft und stand auf:

„Glaubt ihr, ohne Taten ändert sich was? Glaubt ihr das wirklich? Demos und Kundgebungen sind schön, aber sie interessieren die da oben doch nicht. Die verachten uns. Die lachen über uns. Das sind Chauvinisten, die halten sich für auserwählte Herrenmenschen. Ihr wart doch auch dafür, als wir die Aufkleber machten.“

Foto: Timo Klostermeier / pixelio.de
Sie warf einen der handgroßen Sticker auf den Tisch. Ben kannte sie nur zu gut. Er hatte die Grafik mit seinem Laptop gebaut, da er mit dem Programm am besten umgehen konnte. Seit zwei Wochen verteilten sie den Aufruf nun schon in Frankfurt. „Wohnraum für alle: Zündet die Häuser der Reichen an!“ stand in roten Buchstaben vor dunkelgrauem Hintergrund darauf. Im Fuß der Grafik war kleiner und in weiß noch zu lesen: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

„Wir haben angefangen, und ich sage wir gehen auch weiter“, begann Vera erneut. „Und ich will nicht nur ein Haus brennen sehen, nicht nur zwei oder drei. Wenn es sein muss, soll das ganze Westend brennen! Wir sind nur der Anfang. Sollen sie doch in ihren Villen verrecken!“ Sie hatte sich in Rage geredet. Veras rundes Gesicht war rot angelaufen. Sie holte Luft und fuhr fort: „Ihr wisst es genau so gut wie ich, die Reichen werden sich erst bewegen, wenn sie Angst um sich und ihre Kinder haben.“

Danach schwiegen wieder alle. Vera setzte sich. Sie begann mit einem Kugelschreiber auf einem Papierblock zu malen. Das tat sie stets wenn sie sich aufgeregt hatte. Ihre Worte beherrschten noch immer den Raum. Sie hat Recht, ging es Ben durch den Kopf, aber reicht das?

Der Text ist ein literarischer Kommentar und zugleich eine Mahnung zur Wohnungsnot in Frankfurt. Er ist reine Fiktion und alle auftretenden Figuren sind frei erfunden.

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