Sonntag, 27. Mai 2018

Lüsterne Teehaus-Gedanken

Sie wusste nicht genau weshalb, aber aus irgendeinem Grund stellte sie sich Paul als beschnitten vor. Vielleicht lag es daran, dass es ihr bei Aron so gut gefallen hatte. Linda nahm einen Schluck Tee, der Geschmack war bitter und süß zugleich, sie hatte einen gehäuften Löffel Zucker in die Tasse gerührt.

Foto: Karin Schumann  / pixelio.de
Während sie trank, schweifte ihr Blick durch den Gastraum. Kleine Tische und gepolsterte Stühle, viel Holz. Die Wände waren in einem hellen Blauton gestrichen, einige kleine Palmen und Hängepflanzen sorgten für Grün. Vor der Spätschicht kam Linda immer gerne hierher. Dann dachte sie wieder an Paul. Im Umkleideraum im Keller hatte sie schon einmal einen ausgiebigen Blick auf ihn werfen dürfen. Er war gut gebaut, sie lächelte bei der Erinnerung. Seine Short hatte er damals natürlich anbehalten, aber sie schien gut gefüllt zu sein. Linda nahm noch einen Schluck und behielt den Tee diesmal etwas länger im Mund.

Es war erst 13.20 Uhr, sie hatte noch Zeit. Vom Teehaus zum Burger-Palace waren es nur fünf Minuten, auch deshalb ging Linda so gerne hierher. Es war nicht der schlechteste Job, aber die Arbeit in der Küche eines Burger-Restaurants war für sie keine besondere Herausforderung. Während der Ausbildung hatte sie ganz andere Gerichte gekocht. Pauls Geruch kam ihr in Erinnerung. Er benutzte weder Aftershave noch Eau de Toilette, da war Linda sich sicher. Der hübsche Mann roch einfach gut, wie wohl sein Geschmack war?

Die junge Frau goss sich aus einer kleinen Kanne neuen Tee ein, es reichte gerade noch für eine weitere Tasse. Linda merkte, wie die Gedanken an Paul sie erregten, es war ein schönes Gefühl. In einem ovalen Spiegel an der Wand sah sie ihr rundes Gesicht mit den kurzen, verstrubbelten dunklen Haaren. Es passte zu ihr, vieles an ihr war rund. In der Schule hatte sie deswegen große Probleme mit sich selbst gehabt, aber irgendwann war der Groschen gefallen: Männer waren einfach zu bekommen. Mit Frauen war es schwieriger.

Linda wusste nicht, ob Paul heute Dienst hatte. Es war auch nicht wichtig. An ihn zu denken war ebenso schön. Sie hatte es nicht eilig. Wenn er nicht da ist, kann ich mit Svenja flirten, ergänzte Linda ihre Gedanken und nahm abermals einen Schluck Tee. Diesmal war der bittere Geschmack sehr viel stärker, sie hatte den Zucker vergessen. Sie schluckte und die Bitterkeit verschwand. Ein dunkles, sattes Aroma blieb zurück und füllte ihren Mund voll aus. Unwillkürlich musste sie lachen: Svenjas Geschmack und das Aroma des Tees, die Ähnlichkeit war verblüffend.

Draußen vor dem Fenster vielen kleine Schneeflocken. Es war noch einmal kalt geworden, obwohl es schon Ende März war. Linda war zufrieden – mit einer Priese Vorfreude und Erwartung; das Leben war schön.

Kommentare:

  1. Wunderschöne Momentaufnahme! Und in meiner Situation genau der richtige Lesestoff - danke dafür! (Klasse, wie du das Aroma des Tees mit genau der richtigen Prise Frivolität in die Geschichte einbaust!)

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    1. Liebe Schattentänzerin, vielen Dank für Deine Worte, es freut mich sehr, dass der Text Dich ansprechen konnte. Liebe Grüße, Pirandîl

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