Dienstag, 27. März 2018

Der Zaun

Der Zaun. © Pirandîl
Was eine scheiß Hitze. Lena blieb stehen und lehnte sich gegen einen Laternenpfahl, aber das Metall war viel zu heiß, die Hauswand war besser. Die ganze Stadt war ein Backofen. Ihr T-Shirt klebte an ihrer Brust, sie zupfte daran herum, aber der Stoff klebte sofort wieder an ihrer Haut. „Sei froh, dass du noch keinen BH tragen musst“, hatte Doris gesagt. Wie es wohl war, einen BH zu tragen? Ein Auto fuhr an ihr vorbei, ansonsten war die Straße wie tot. Kein Wunder bei der Hitze und Ferien sind auch noch. Sie sah auf ihre Uhr: Kurz nach vier, Jenny wird bald da sein. Auf der anderen Seite der Straße stand das Haus. Es war ein hässliches Haus, Doris hätte „schäbig“ gesagt. Ein „schäbiges“ Haus in einer „schäbigen“ Gegend. Ihre Mutter mochte es nicht, dass Lena mit Jenny befreundet war. „Die ist doch asozial“, hatte sie gesagt. Das Haus sah schmutzig aus. Alle Häuser in diesem Teil der Stadt waren irgendwie schmutzig. Vielleicht sind sie einfach nur alt, dachte Lena. Sie, Doris und Christoph wohnten weiter draußen, da waren die Häuser hübscher, sauberer, der Bus brauchte eine Viertelstunde. Lena schaute noch einmal auf ihre Uhr, Jenny war immer noch nicht da. Dann fiel ihr Blick wieder auf das Haus. Es war noch dreckiger als die anderen in der Straße; es stand leer. Von dem Bretterzaun, der den kleinen Hof vor dem Haus von der Straße trennte, platzte die Farbe ab. Am Tor hing ein Vorhängeschloss. Trotzdem waren Lena und Jenny schon oft hinter dem Zaun gewesen, denn ein Brett fehlte. Lena konnte über die schmale Straße hinweg durch die Lücke die Hauswand und das vergitterte Fenster sehen. Ihr Handy summte.

„Hab’ Hausarrest, meine Mum hat die Kippe entdeckt“, stand in der SMS. Jenny kommt also nicht mehr. Lena steckte das Handy wieder weg. Was für ein sinnloser Tag. Sie überlegte, ob sie trotzdem zu ihrer Freundin gehen sollte, es waren nur fünf Minuten von hier. Aber das würde auch nichts bringen, Jennys Mutter würde sie ja doch nicht reinlassen. Dann rauch’ ich halt alleine. Lena ging über die Straße und schlüpfte durch die Zaunlücke. Gleich links in dem kleinen Hof standen die Kisten, auf denen sie und Jenny immer saßen. Auf dem Boden davor lagen einige Zigarettenstummel. In der Wand gegenüber war das vergitterte Fenster und gleich daneben war der Hauseingang. Die Tür, die ihn mal verschlossen hatte, lag auf dem Boden. Die Mädchen waren auch schon im Haus gewesen. Gleich hinter der kaputten Tür lag ein leerer Raum. Alle anderen Türen, die sie im Haus gefunden hatten, waren fest verschlossen und mit Brettern vernagelt gewesen. Lena setzte sich auf eine der Kisten und holte die Kippe heraus, die sie aus der Handtasche ihrer Mutter stibitzt hatte. Ein Feuerzeug hatte sie auch dabei. Die rauch’ ich für Jenny, dachte sie schnippisch und zündete sie an. Es war ihr egal, das Doris Jenny nicht mochte, Lena war froh, dass es sie gab. Im letzten Sommer waren Doris, Christoph und Lena ans Meer gefahren, aber dann hatte Christoph seine Arbeit verloren. Seit Februar war er jetzt dauernd zuhause. Deswegen war auch der Sommerurlaub ins Wasser gefallen.

Lena drückte gerade die Zigarette aus, da hörte sie plötzlich ein Klirren im Haus. Danach war es wieder ruhig, nichts rührte sich. Das Mädchen saß kerzengerade auf der Kiste. Erschrocken blickte sie auf den Durchgang und das vergitterte Finster, aber es blieb still. „Jetzt möchte ich aber doch wissen“, murmelte sie halblaut zu sich selbst, während sie aufstand und vorsichtig zum Hauseingang schlich. Sie machte einen weiten Schritt, um über die am Boden liegende Tür zu steigen, denn sie wusste, dass das Holz knarrte. Dann war sie im Haus, im leeren Raum, in den das Licht durch das vergitterte Fenster fiel, doch der Raum war nicht mehr leer. Ein Mann lag mit geschlossenen Augen auf einer fleckigen Decke. Leere Bierflaschen standen um ihn herum, eine war zerbrochen. Lena konnte nicht sagen, wie alt er war. Sein Haar war blond, Bartstoppeln bedeckten sein Gesicht. Ein strenger, beinahe beißender Geruch lag im Raum, doch das bemerkte sie nicht, denn der Mann war nackt. Wohl wegen der Hitze hatte er seine Klamotten ausgezogen und sie als Kissen in seinen Nacken gelegt. Lena stand einfach nur da und betrachtete ihn. Plötzlich sah sie, dass er seine Augen aufschlug, er blickte sie an! Das Mädchen war wie erstarrt. Einen Augenblick schauten sie sich gegenseitig ins Gesicht, dann stand er langsam und schwankend auf. Schließlich baute er sich breitbeinig mitten im Raum auf, erst da erwachte Lena aus ihrer Starre. Sie drehte sich um, rannte aus dem Haus, über den Hof, durch den Zaun, hinaus auf die Straße. Sie rannte, bis sie zwei Straßen weiter bei der Bushaltestelle ankam. Sie war völlig verschwitzt und außer Atem; er war ihr nicht gefolgt.

Etwas später kam der Bus. Während Lena nachhause fuhr, beruhigte sie sich wieder, und als Doris sie später fragte, wie ihr Tag gewesen war, erzählte sie ihr nichts davon. Aber sie dachte daran, wie es gewesen war, ihn nackt zu sehen.

Der Text ist eine der "Graustufen", eine Sammlung von insgesamt sieben Kurzgeschichten, die ich in den Jahren 2010 und 2011 geschrieben habe. Ursprünglich hatte ich die Reihe als E-Book veröffentlicht, aber inzwischen habe ich die Veröffentlichung rückgängig gemacht. Stattdessen stelle ich die Geschichten nun vollends in meinen Blog ein.

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