Samstag, 26. November 2016

Selbstradikalisierung – ein Gedanken-Manifest

Selbstradikalisierung, was für ein gefälliges Wort. Sprache war schon immer ein Werkzeug der Macht. Das Attribut wird in letzter Zeit gerne für all jene dschihadistischen Terroristen benutzt, die nicht in Moscheen von fundamentalistischen Predigern aufgeputscht wurden, sondern sich quasi im stillen Kämmerlein durch das Internet zum gewaltbereiten Islam-Faschisten wandelten – als ob es einen Unterschied machen würde, ob der Prediger nun in Fleisch und Blut zu seinen Zuhörern spricht oder über ein YouTube-Video.

Blockupy Frankfurt 2015. © Pirandîl.
Vielleicht erfüllt das Wort aber auch noch ganz andere Zwecke. Ist etwa heimlich die „selbstverschuldete Radikalisierung“ gemeint? Soll damit der dumme Tor gebrandmarkt werden, der einfach nicht begreifen will, dass er in der besten aller Welten lebt? In jedem Fall wird mit dem Etikett „Selbstradikalisierung“ immer das einzelne Individuum genannt, dass alleine für sich steht; das Wort entlässt die Gesellschaft aus Ihrer Verantwortung, das ist das Politikum. Denn nicht einmal Einsiedler stehen absolut ausserhalb, keine Radikalisierung fällt vom Himmel.

Ich aber behaupte: Die Welt ist voll von Selbstradikalisierten. Der islamistische Sprengstoffgürtelträger ist nur die hässliche Spitze des Eisbergs. Selbsterklärte Patrioten, die Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte werfen und linke Blockupy-Demonstranten, die sich in Frankfurt Straßenschlachten mit der Polizei liefern, wir leben in interessanten Zeiten. Jahrzehntelanges Wirken der neoliberalen Ideologie hat zahllose Menschen ausgegrenzt und prekarisiert, ab wann wird die Masse kritisch?

Es ist der Reigen unserer Zeit, und auch ich reihe mich ein: Einstmals braver SPD-Wähler habe ich längst ins wirklich linke Lager gewechselt, man macht seine Erfahrungen in der Arbeitswelt. Der Klassenkampf zwischen Kapital und Werktätigen, er hat nie aufgehört. Es wäre nur zu wünschen, dass jene, die glauben, Bürgerkriegsflüchtlinge seien das Problem, endlich begreifen, dass der eigentliche Feind in den Vorstandsetagen sitzt. Würde morgen eine Bombe im Büro der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hochgehen, möglicherweise sähe ich es mit Wohlgefallen – an der Selbstradikalisierung führt kein Weg vorbei …

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