Sonntag, 31. Juli 2016

Libelle und Peitsche

Hochsommerlich schwül brütet die Stadt, es wird regnen, nur wann. Dräuende Wolken am Nachmittagshimmel, Blitze am Horizont, es ist warm, so warm. Auf der Straße fährt ein Auto vorbei, dann kriecht wieder Stille durch die offenen Fenster. Gelbes Licht über den Dächern, ich warte, ich schwitze, dann sehe ich es:

Es ist ein altes Bild, der Künstler ist unbekannt. Ein schwerer Rahmen aus dunklem Holz umspannt den Blick in einen säulengetragenen Raum, heller Stein, große Fenster mit Rundbögen. Eine nackte Frau ist im Zentrum des Gemäldes zu sehen, halb sitzt sie, halb liegt sie auf einer dunkelgrün gepolsterten Chaiselongue. Nur ein leichter Seidenschal bedeckt ihren üppigen Leib; der zartrosa gefärbte Stoff fließt über ihre Schultern, vorbei an ihren vollen Brüsten, hinab zu dem Schoß, wo rotblonder Flaum den Hügel bedeckt. Die Schenkel hat sie übereinander geschlagen. Ihr Oberkörper ist entspannt, die Augen blicken sinnend ins Unbestimmte. Das rote Haupthaar fällt ungeordnet und in Locken von Ihrem Kopf, ein zufriedener Ausdruck liegt auf dem runden Gesicht, lächelt ihr Mund? Arme und Hände hat sie ruhig abgelegt.

Durch die Fensterbögen sind die Dächer einer unbekannten Stadt zu erkennen, von gleißendem Sonnenlicht erhellt. Verschwommenes Grün deutet Dachgärten an, der Himmel ist blau, zarte Wolkenbänder sind zu erahnen.

Im Hintergrund, am anderen Ende des Raums, ist ein mit blauem Baldachin überdachtes Bett zu sehen, die Vorhänge sind geöffnet, das weiße Bettzeug ist unordentlich. Vorne, zu Füßen der Chaiselongue, auf dem mit Marmorplatten ausgelegten Boden, steht ein flacher, weiß lackierter und mit Blattgold verzierter Tisch, darauf eine steinerne Schüssel mit Wasser, eine einzelne, weiße Seerose schwimmt darin. In der geöffneten Blüte, surreal groß und giftgrün schillernd, lauert eine Libelle, die Insektenaugen blicken böse aus dem Bild heraus. Neben der Schale liegt eine Peitsche: Neun schwarze Lederriemen, der Griff aus dunklem Holz zeigt zu mir.

Kaum dass ich begreife, was ich sehe, zerreißt ein ohrenbetäubender Donner die drückende Stille. Die Vision zerfließt – prasselnder Regen flutet das Land.

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Liebe Eva, vielen Dank, es freut mich sehr, dass mein Text Dich berühren konnte. Liebe Grüße, Pirandîl

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