Sonntag, 17. April 2016

Die Exzenterschneckenpumpe – eine schleimige Fantasie

© Eva Becker aka freda.becker
Es ist schon fast Abendessen-Zeit und Max sitzt am Esstisch in der Wohnung in der Frankfurter Römerstadt und malt. Papa sitzt ihm gegenüber und telefoniert, doch Max hört nicht zu, denn er malt gerade einen Löwen. Es ist natürlich und großer und furchtbar schrecklicher Löwe, allerdings mit grünem Fell. Bei dem gelben Buntstift ist vor kurzem die Spitze abgebrochen und Max hat den Spitzer irgendwohin verschlampt. Während er der Mähne seines Löwen noch ein paar lila Striche verpasst – mit dem grünen Fell kann das Vieh jetzt ohnehin so bunt werden wie nur möglich – hört er die tiefe Stimme seines Vaters, der immer wieder Dinge sagt, die Max nicht versteht. Sein Papa ist Ingenieur, er arbeitet bei der „Stadtentwässerung“. Papa telefoniert oft noch am Feierabend mit seinen Kollegen wegen irgendwelcher technischen Dinge. Dann geht es um Rohre und Leitungen, um Schlamm und Druck und immer um furchtbar viele Zahlen. So ist es auch diesmal. Max malt seinem Löwen gerade blutrote Augen, als er seinen Vater sagen hört: „ … und morgen müssen wir endlich die neue Exzenterschneckenpumpe einbauen. Du weiß schon, bei der Anlage in Niederrad.“

Eine Schneckenpumpe, denkt Max plötzlich, während er das zweite Auge seines Löwen ausmalt. Warum will Papa denn Schnecken pumpen? Und was bitte sind Exzenterschnecken? Max prüft noch einmal seinen „Graslöwen“, legte dann den Buntstift zur Seite und sieht seinen Papa an. Das mit den Exzenterschnecken macht den Jungen nun doch neugierig, aber er kann seinen Vater nicht fragen, denn der telefoniert immer noch. Papa schweigt jetzt sehr viel und sagt nur in regelmäßigen Abständen „Ja“ oder brummt irgendwas ins Telefon. In diesem Augenblick kommt Mama an den Esstisch: „Räum deinen Kram weg, wir essen bald, ich will den Tisch decken“, sagt sie zu Max, und an seinen Vater gerichtet fügt sie hinzu: „Und du, komm langsam mal ans Ende mit deinem Palaver!“ Dann verschwindet Mama wieder in der Küche.

Gehorsam räumt Max Papier und Buntstifte zusammen, Papa telefoniert währenddessen ungerührt weiter. Der Junge bringt sein ganzes Mal-Zeug in sein Zimmer. Dort setzt er sich an seinen kleinen Schreibtisch. Er will eigentlich an seinem Löwen weiter malen, aber das Wort „Exzenterschneckenpumpe“ wabert immer wieder durch seinen Kopf – „Exzenterschnecken“, „Pumpe“, „Exzenterschneckenpumpe“!

Wie eine Pumpe aussieht, weiß Max natürlich, er hat erst letzte Woche bei dem Ausflug mit seiner Schulklasse zu der Ritterburg eine Pumpe gesehen. Im Grunde war das nichts anderes als ein großer Wasserhahn, nur mit einem Griff hinten dran, den man hoch und runter drücken muss, damit das Wasser aus der Pumpe rauskommt. Und die Exzenterschnecken? Kurzentschlossen nimmt Max einen Stift zur Hand: Eine Exzenterschnecke hat natürlich ein Schneckenhaus und das ist lila. Leider hat das Häuschen keine gelben Tupfen, denn bei dem Stift ist ja die Mine abgebrochen, aber dafür hat das Exzenterschneckenhaus grüne und blaue Flecken. Zu dem Häuschen gehört auch der Schneckenkörper, und der ist runzelig-schleimig wie bei der Weinbergschnecke, die Max einmal in der Hand gehabt hat. Selbstverständlich hat die Schnecke auch lange Stielaugen, wie es sich gehört. Zufrieden schaut Max das Bild an. Die Exzenterschnecke ist ihm gut gelungen. Und die Exzenterschneckenpumpe …?

Max schließt die Augen und stellt sich vor, wie er den Hebel der Pumpe hoch und runter drückt, woraufhin sofort lauter Exzenterschnecken aus dem Pumpenrohr hervorsprudeln. Es klackert leise, wenn die Schneckenhäuschen auf den Boden dotzen. Der Junge hört auf zu pumpen und beobachtet vergnügt, wie die Exzenterschnecken langsam aus ihren bunt schillernden Häuschen  hervorkommen und anfangen, mit lang ausgestreckten Schnecken-Stilaugen in alle Richtungen zu kriechen. Dabei hinterlassen sie glitzernd-klebrige Schleimspuren. Außerdem steigt ein schwefliger, fauliger Gestank von den Schnecken auf. Es riecht wie ein Pups, nur noch ein bisschen fieser. Großartig, denkt Max und grinst, aber was mache ich jetzt damit. Versuchshalber pumpt er noch mehr Schnecken aus der Exzenterschneckenpumpe: Es klackert, es kriecht und es stinkt. Wenn man einen Schlauch hätte, überlegt Max, und wenn dieser Schlauch am Ausgang der Pumpe befestigt wäre, und wenn der Schlauch lang genug wäre, ja dann …, das Grinsen des Jungen wird immer breiter.

Sofort schließt Max einen Schlauch an das Pumpenrohr an, einen langen, roten Gummischlauch. Das andere Schlauchende schiebt er durch das offene Fenster von Herrn Büffeldorns Büro. Herr Büffeldorn ist der Nachbar im Erdgeschoss des Hauses und überhaupt nicht nett. Er schimpft immer, wenn Max auf dem Rasen vor dem Haus spielt. Herr Büffeldorn sitzt nämlich immer in seinem Büro in seiner Wohnung und arbeitet – und dann hat alles hat ruhig zu sein! Jetzt bekommt er sein Fett weg, denkt Max, als er vorsichtig und leise den Exzenterschneckenschlauch durch das gekippte Fenster schiebt – Glück gehabt, der Büffeldorn hat nichts gemerkt. Kurz darauf ist Max wieder zurück bei seiner Pumpe, an deren Ende unheilvoll und bedrohlich der rote Schlauch baumelt. Der Junge holt tief Luft, reibt sich die Hände, lacht sich eins und greift nach dem Pumpen-Hebel: Schnecken marsch! Entzückt sieht Max dabei zu, wie der Schlauch sich wölbt, weil lauter Exzenterschnecken durch ihn hindurch gepumpt werden; dem Büffeldorn wird hören und sehen vergehen. Gleich ist es soweit, denkt der Junge, als plötzlich eine helle Frauenstimme ruft: „Max wo bleibst du denn, das Essen ist fertig!“

Schlagartig ist Max zurück in seinem Zimmer: Weg sind die Pumpe und die Exzenterschnecken, nur das Bild auf seinem Schreibtisch ist natürlich noch da. Mama, die in der Tür steht, sagt: „Das Essen wird kalt, komm jetzt endlich. Was grinst du überhaupt so?“ „Och, nichts“, antwortet Max und steht vom Schreibtisch auf. Doch während er aus dem Zimmer geht, hört er ganz leise im Erdgeschoss das Gebrüll von Herrn Büffeldorn – ist das nun Einbildung oder nicht? Wer weiß …

Die Exzenterschneckenpumpe gibt es tatsächlich. Wenn Ihr wissen wollt, was es damit auf sich hat, hier ist der Link: » Die Exzenterschneckenpumpe (Erklärung von Wikipedia). Die bemerkenswerte Art der Exzenterschnecken wird auf Wikipedia aber leider nicht näher erläutert ;-)

Kommentare:

  1. beeindruckend, dieser Wiki-Artikel. Eine rotierende Verdrängerpumpe also, ich glaub sowas hab ich auch, irgendwo im Gehirn.
    Nein, keine Angst, ich habs nicht wirklich gelesen.

    Dafür finde ich deine Geschichte aber umso schöner! Wirklich sehr gelungen und bildhaft geschrieben, ich hab die klöternden Schnecken direkt vor mir gesehen. Schade dass das Essen schon ferig war... :o)

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  2. Herrlich, ich habe sehr gelacht, vielen Dank :)

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