Freitag, 30. Oktober 2015

Im Dreck

Trigger-Warnung: Die folgende Kurzgeschichte behandelt das Thema „Gewalt“. Ich schrieb den Text schon vor einigen Jahren. Zwar fließt kein Blut und objektiv betrachtet passiert nichts dramatisches, dennoch bin ich bis heute der Meinung: Es ist der schwärzeste und böseste Text, den ich bisher geschrieben habe.

Im Dreck


„Bleibt stehen!“, rief er und rannte ihnen hinterher. Aber sie blieben nicht stehen. „Gebt ihn zurück!“, doch dann musste er selbst stehen bleiben und keuchen. Roman und Boris rannten weiter. Tim hörte sie johlen während er nach Luft schnappte, und er sah, wie die beiden Jungen sich Tristan wie einen Ball zuwarfen. Bevor sie am Waldrand zwischen den Baumstämmen verschwanden, konnte Tim noch sehen, wie eine von Tristans Händen in hohem Bogen wegflog. Dann waren sie fort.

Diese Schweine! Verrecken soll’n sie! Verrecken! Er wollte etwas schlagen, irgendwas, egal was, aber dann spürte er, wie sich ihm die Brust zuschnürte. Nein, nicht weinen! Seine Mutter hatte ihm schon so oft gesagt, dass er sich das abgewöhnen sollte. Der Kloß im Hals löste sich, jetzt ging es wieder. Roman und Boris waren fort. Tim war unschlüssig, was er tun sollte. Hinter ihm waren die Hütten des Ferienlagers. Er hörte das Schreien und Rufen der anderen Kinder vom Klettergerüst, während er still auf der Wiese vorm Waldrand stand. Sollte er mit Kerstin oder einem der anderen Betreuer reden? Nein, das ist peinlich. Unsicher trat er einen Schritt nach vorne, dann noch einen, dann ging er los. Nach zehn Metern erreichte er den Waldrand, im Gras sah er Tristans Hand liegen. Er hob sie auf, betrachtete sie kurz und steckte sie dann in seine Hosentasche. Die Hände waren besonders schwierig gewesen. Tim trat in den Wald ein, hier war es schattig. Altes Laub bedeckte den Boden, an einigen Stellen wuchs Gras. Die Bäume standen nicht sehr dicht bei einander. Schon nach wenigen Metern erreichte er einen Pfad, der schräg zu seiner Richtung verlief. Von Boris und Roman war nichts zu sehen. Doch, da: Auf dem Weg lag einer von Tristans Füßen. Tim steckte auch ihn ein und ging dann den Pfad entlang. Es war schon Nachmittag, bald würde der Gong sie zum Abendessen rufen. Soll’n sie ihren Fraß doch behalten! Die ganze Sommerfreizeit kotzte ihn an. Er hatte von Anfang an nicht hierher gewollt. Seine Mutter hatte ihn angemeldet: „Du bleibst mir nicht die ganzen Ferien über zuhause“, hatte sie gesagt. Deshalb musste er jeden Morgen mit dem Bus in das Lager am Stadtrand fahren und jeden Abend fuhr er wieder nachhause. Er war immer froh, wenn er daheim ankam. Seit zwei Wochen ging das schon so. Das Essen war schrecklich, der Badesee dreckig und außerdem wurde er von Boris und Roman fertiggemacht. Sie waren in der gleichen Gruppe wie er und die beiden Jungen hatten es von Anfang an auf Tim abgesehen gehabt. Warum sie sich gerade ihn ausgesucht hatten? Tim wusste es nicht. Er hatte sie vorher noch nie gesehen.

Der Weg machte eine Biegung, keine Spur von Roman und Boris, wohin er auch blickte. Die Bastelstunden hatten Tim Spaß gemacht. Kerstin hatte alte Stoffpuppen mitgebracht, die einen Stock im Rücken hatten, an dem man sie halten konnte. Hände, Füße und Köpfe hatten die Puppen aber keine gehabt, die mussten von den Kindern getöpfert und später auch bemalt werden. Noch später sollten dann Stöcke von unten an die Hände gemacht werden, dann könnte man mit den Puppen wie mit einer Marionette spielen, hatte Kerstin erklärt. Bis zu den Stöcken an den Händen war Tim aber nicht gekommen. Er hatte von Beginn an gewusst, dass seine Puppe ein Ritter sein sollte. Seine große Schwester hatte ihm einmal von einem Ritter namens Tristan erzählt und darum hatte er seine Puppe so genannt. Er hatte beim Töpfern Tristans rechte Hand so gebastelt, dass sie ein Schwert halten konnte, das er aus Holz gemacht hatte, und beim Kopf, da hatte er aus dem Ton auch einen Ritterhelm mit hochgeklappten Visier geknetet. Kerstin hatte ihn gelobt und später hatte sie Tim dann noch geholfen, aus einem alten Stoffrest einen Umhang für Tristan zu basteln.

Im Dreck, © Pirandîl
Der Weg machte wieder einer kleine Biegung und Tim fragte sich, ob die rechte Hand mit dem Schwert noch an Tristan dran war, denn am Waldrand hatte er nur die linke gefunden. Schließlich gabelte sich der Weg nach links und nach rechts und Tim sah es sofort: Beim Mülleimer bei der Weggabelung lag Tristan. Im alten Laub, im Dreck auf dem Waldboden lag die Puppe. Durch die Blätter der Bäume fiel Sonnenlicht auf den Stoffkörper. Boris und Roman waren nirgends zu sehen. Vom Mülleimer stieg ein süßlicher Gestank auf. Alles war weg: Die Füße, die Hände, der Umhang, der Kopf, alles. Nur die Stoffpuppe mit dem Stock im Rücken war übrig. Tim bückte sich, griff nach dem Stock und hob Tristan hoch. Einen Augenblick lang sah er die Puppe an. Der Kloß im Hals war wieder da, Tränen stiegen ihm in die Augen. Er wollte nicht weinen. Statt dessen schrie er. Er schlug die Puppe mit dem Stock gegen den Mülleimer: „Verrecken! Verrecken!“ Er stach mit dem Stock und der Puppe in den Mülleimer, in den Abfall: „Verrecken! Verrecken! Verrecken!“

„Im Dreck“ ist eine von sieben Kurzgeschichten, die ich in dem Zyklus » Graustufen zusammengefasst habe.

1 Kommentar:

  1. Seltsam, nicht, wenn etwas, wenn etwas, was man so furchtbar gerne hat, kaputt geht.
    Ich erinnere mich daran, an die Wut, die sich plötzlich gegen das Kaputte wendet (dabei gehört sie ja eigentlich denjenigen, die es zerstörten).
    Vielleicht ist das manchmal ähnlich, wenn man selbst kaputt geht.
    Nachdenkliche Grüße...

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