Freitag, 17. Juli 2015

Die Scheuche

„Du nervst!“, zischte Hanna. Magda schnappte nach Luft: „Nicht in diesem Ton!“ Sie blickten sich wortlos an. Dann begann Hanna erneut: „Warum soll ich nicht gehen? Wir sind hier auf einer verdammten Insel, was soll schon passieren. Hier ist doch sowieso nie was los!“ „Du gehst nicht, weil ich sage, dass du nicht gehst – Ende der Diskussion!“ Hanna wurde wütend. Diese dumme Kuh, ich hab’s satt, ich hab’ sie so satt: „Ich wünschte du wärst tot und nicht Holger!“ – Sie hatte das nicht sagen wollen. Es war einfach aus ihr herausgeplatzt. Mutter und Tochter standen sich im Licht des späten Nachmittags gegenüber. Im Hintergrund rauschte das Meer. Erschrocken über sich selbst blickte Hanna in das Gesicht ihrer Mutter, das blass und ausdruckslos geworden war. Sie standen vor dem kleinen Ferienbungalow, den sie seit einer Woche bewohnten. Für das Mädchen zog sich der Augenblick immer qualvoller in die Länge, ruckartig drehte sie sich um und rannte davon.

© Pirandîl
Die Scheuche stand mitten in den Dünen, dunkel und hässlich. Der Geruch von Moder und Salz stieg von ihr auf und der Wind wehte durch die zerrissenen Netze und Seile, aus denen sie gebaut worden war. Es fing an zu dämmern, als Hanna dort ankam. Der Platz war ein gutes Stück von der Feriensiedlung entfernt, inzwischen hatte sie aufgehört zu weinen. Sie blieb stehen, vermied es aber, die Scheuche direkt anzusehen. Schließlich setzte sie sich mit dem Rücken zu ihr auf eine der Dünen und schaute aufs Meer. Sie dachte an Magda, dann fiel ihr Holger ein. Nicht jetzt, ich will nicht mehr, es soll weg sein! Sie versuchte an gar nichts zu denken. Nervös sah Hanna auf ihre Armbanduhr, es war 19.20 Uhr, die anderen mussten bald da sein. Hoffentlich sind sie pünktlich. Sie musste zum Glück nicht lange warten. Im Licht der Abenddämmerung sah sie drei Gestalten auf sich zukommen und schon kurz danach erkannte sie Robert, Micha und Laura. Etwas später saßen sie zusammen neben der Scheuche in den Dünen. Micha und Robert hatten Strandholz zusammengetragen, aus Steinen einen Kreis im Sand gebaut und nun hatten sie ein Lagerfeuer. Laura ließ ihr Handy Musik abspielen, Micha holte Bierflaschen aus seinem Rucksack und verteilte sie. Hanna blickte wie durch ein Fenster in die drei jungen Gesichter. Robert erklärte gerade Laura, dass er und Micha das Feuer-Machen bei den Pfadfindern gelernt hatten und Hanna hörte sich selbst in einer Stimme, die nicht ihre eigene war, sagen: „Dreh’ doch die Musik lauter, dann können wir tanzen.“ Sie hatte die drei am zweiten Tag auf der Insel am Strand kennengelernt. Robert und Micha waren Brüder, sie und ihre Eltern kamen aus Potsdam. Laura war zusammen mit ihrer älteren Schwester auf die Insel gekommen, die beiden stammten aus Frankfurt. Hanna trank einen Schluck Bier und hörte, wie Laura sie fragte, wo sie ihre Bluse gekauft habe. Robert prostete ihr zu und Hanna trank noch einen Schluck Bier – dann lächelte sie. Noch etwas später lag Hanna im Sand, den Kopf in Roberts Schoß gebettet. Seine Finger glitten sanft über ihr Gesicht. Er riecht gut. Micha und Laura lagen auf der anderen Seite des Feuers und waren ganz nah und weit entfernt zugleich. Hanna trank den letzten Schluck Bier der noch in ihrer Flasche war und fragte mit vergnügter Stimme: „Wieso habt ihr eigentlich diese hässliche Scheuche als Treffpunkt ausgesucht?“ „Ist doch ein Bomben-Treffpunkt“, meinte Robert, „den kann man gar nicht übersehen. Ich schätze mal, Kinder haben sie gebaut, keine Ahnung.“ Er schwieg wieder und erneut streiften seine Finger sanft über ihr Gesicht. Hanna schloss die Augen und schmiegte sich noch dichter an ihn. Als sie ihre Augen wieder öffnete, blickte sie direkt auf die Scheuche. Inzwischen war es Nacht geworden, nur wenige Sterne standen am Himmel. Das Lagerfeuer brannte nur noch schwach und das flackernde Licht der Flammen zuckte über die zerlumpte Gestalt, die nur für Bruchteile von Sekunden aus den Schatten hervorsprang und wieder verschwand, hervorsprang und verschwand, immer wieder und wieder. Ein kräftiger Windstoß entfachte das Feuer noch einmal und Hanna sah für einen Moment die Scheuche ganz: Ein hässliches Monster im Sand.

Schließlich lief sie alleine durch die Nacht zurück. Sie hatte sich hastig von ihren Freunden verabschiedet, erklären konnte sie es ihnen ja doch nicht. Immer wieder dachte sie an das blasse Gesicht ihrer Mutter. Sie hatte diesen maskenhaften Ausdruck schon einmal bei Magda gesehen – an dem Abend, an dem der Anruf wegen Holger gekommen war. Endlich erreichte Hanna die Siedlung. Einen Augenblick später stand sie vor der Tür des Bungalows. Sie wollte gerade eintreten, als sie sah, dass noch Licht hinter dem Küchenfenstern brannte. Sie wartet auf mich.

„Die Scheuche“ ist eine von sieben Kurzgeschichten, die ich 2010 und 2011 geschrieben und die ich unter dem Titel „Graustufen“ als E-Book veröffentlicht habe. Nach und nach stelle ich die sieben Kurzgeschichten hier in meinem Blog vor. Eine weitere „Graustufe“ ist die Geschichte » Im Kasten.

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