Freitag, 5. Juni 2015

Ein Buch zuviel

Ein Sommerschnupfen hat mich die letzten Tage zuhause gehalten. Ich kann nicht genau sagen warum, aber am Donnerstag wachte ich gegen 4:00 Uhr bei Sonnenaufgang auf und schrieb diese Erinnerung nieder. Ob es ein Traum war oder etwas anderes, ich weiß es nicht. Hier ist der Text, den ich gestern früh am Morgen schrieb:

Ein Buch zuviel


Ich vermute, fast jeder, der sich für Literatur begeistert, kann in seiner Lese-Vita dieses eine Buch, diesen einen Titel benennen, der alles verändert hat. Es ist jenes „eine Buch zuviel“, von dem Jack Londons „Seewolf“ in einer Mischung aus verbittertem Trotz und Stolz spricht. Es ist das Buch, hinter dem es kein Zurück mehr gibt – in welcher Hinsicht auch immer.

In meiner literarischen Sozialisation kann ich klar benennen, welches Werk es war, das alles veränderte: „Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann. Doch als ich dort ankam, hatte ich bereits ein gutes Stück Weg zurückgelegt.

Als Kind war ich ein großer Fan von Hörbüchern. Ich mag sie heute noch gerne und höre zum Teil als Erwachsener die gleichen Titel, die ich als Kind schon mochte. Daneben las ich Comics, ich verschlang sie regelrecht. Die Schlümpfe, Donald Duck und Spirou und Fantasio waren die Helden meiner Kindheit. Ich glaube es war nach meinem 13. oder 14. Geburtstag, als dann in Form der Krimis von Agatha Christie die Bücher dazu kamen. Ein Freund hatte mir zum Geburtstag einen Gutschein für eine Buchhandlung geschenkt.

Damit begann eine Zeit des Bücherfressens. Nach den kniffligen Mordfällen der Miss Marple und des Hercule Poirot wand ich mich der Fantasy-Literatur zu. Ich las „Der kleine Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ und viele, viele darauf rekurrierende, uniforme Bücher, deren Titel ich vergessen habe. Auch historische Romane hatten es mir angetan, besonders an „Die Säulen der Erde“ kann ich mich erinnern. All dies zeigt: Mein Zugang zur Literatur war die Unterhaltung. Ich suchte keine intellektuelle Erbauung, ich wollte spannende Geschichten Lesen und auch dem Eskapismus war ich durchaus zugeneigt. Diese Einstellung zur Literatur habe ich heute noch. Ein gutes Buch ist meiner Meinung nach immer auch gute Unterhaltung. Dieser Lektüre-Werdegang erklärt wahrscheinlich auch, warum es dann der schwarze Romantiker E. T. A. Hoffmann war, der mir mein entscheidendes Literatur-Erlebnis bescherte.

Ich war 16 Jahre alt und wir lasen damals im Deutschunterricht Hoffmanns „Sandmann“. Ich kann mich noch genau an die Situation erinnern: Ich sitze in meinem Jugendzimmer in einem sehr bequemen schwarzen Lesesessel und habe die übliche Deutschunterricht-Reclam-Ausgabe des „Sandmanns“ vor mir. Die unheimliche Geschichte über den Wahnsinn des Studenten Nathanael faszinierte mich und dann geschah es. Mir wurde klar, dass ich hier von einer Geschichte, einem Text ergriffen und gefesselt wurde, erdacht und geschrieben von einem Mann, der schon lange Tod ist – und der doch über sein Grab hinaus auf mich einwirken konnte. Heute weiß ich, dass dies nichts besonderes ist, sondern das Wesensmerkmal aller Kunst- und Kulturgüter, doch damals machte diese Erkenntnis einen enormen Eindruck auf mich. Es war dieser Moment, als ich anfing, Bücher zu lieben. Sie waren nicht mehr nur reine Unterhaltungsmedien für mich. Sie wurden zu Fetisch-Objekten – und wenn ich ehrlich bin, sind sie das heute noch.

Wie sieht es bei Euch aus? Was war bei Euch das „eine Buch zuviel“?

Kommentare:

  1. Ich glaube es waren mehr vier. Da sind Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Das hat mich von meinen Kinderbüchern und Geschichten zu den realen Erzählungen gebracht. Darauf folgte eine Biografie der Geschwister Scholl, Isabella, das Nest in der Vogelstrasse und zahlreiche weitere Holocaustgeschichten. Wer weiss weshalb sie mich so gefressen haben, oder ich sie. Ich wollte, und will, die echten Geschichten. Oder die, die immerhin echt sein können. Und dann sind da die 13 1/2 Leben des Keaptn Blaubear. Damit hat mein Weglaufen koennen in den Buechern begonnen. Dazu brauchte ich Walter Moers. Die 13 1/2 Leben des Kaeptn Blaubear und so viele weitere haben mich immer in meiner kleinen Seifenblase gehalten, wenn ich wegmuss(te?). Die beiden Buecher, die aber mich tatseachlich, ganz abseits von meinen Lesegewohnheiten gepackt und geeandert haben, und die bis heute auf jede noch so kleine Reise oder Wanderung mitkommen, einfach damit ich mich in Notfall nicht verlieren kann, sondern einfach kurz darin verschwinde, sind Stein und Floete und The perks of being a wallflower. Das sind m e i n e magischen Bücher. Darum habe ich mich so gefreut, denn mit deinem "Links am Rand und zum Teil von Ästen und Blumen verborgen steht eine Statue, ein Lautenspieler mit Hörnern. Hat er auch Ziegenbeine?" hast du mir mein magisches Buch gezeigt :) Hui, jetzt habe ich viel geschrieben. Danke fuer diesen Post - mir hat der Sandmann uebrigens nicht viel gegeben, ich habe mich verlaufen darin, hingegen hat Lenz, hast du auch ihn gelesen, privat oder in der Schulzeit?, es mir angetan. Alles Liebe.

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  2. Hallo Pirandill
    ich liebe das Lesen, ohne Bücher wäre mein Leben um vieles ärmer.
    Schon als Kind habe ich die Bücher verschlungen, mit 7 Jahren war ich bereits in der öffentliche Bibliothek eingeschrieben, es hat sich auch in der Jugendzeit nicht verändert, auch als ich schon verheiratet, Mutter usw. war, ohne Buch hat man mich nie angetroffen. Ich bin ein "Allesleser" doch am besten gefallen mir Krimis, rechtsmedizinische Abhandlungen, Psychosachen, Reiseberichte, Biographien, aber auch manchmal etwas Leichtes. Humoristisches. Eine zeitlang habe ich die Bücher über den Holocoust gelesen, das waren einige ZUVIEL, ich konnte nicht mehr schlafen: Im Moment versuche ich, dass sich Schwerverdauliches und Leichtigkeit die Waage halten. Doch ohne Buch geht gar nichts, auch wenn es nur neben mir liegt.
    Ich wünsche dir noch ein wunderschönes We.
    LG Sadie

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  3. Lieber Pirandîl,
    da hast du sicher Recht, so habe ich das noch gar nicht gesehen...

    Bücher sehe ich hauptsächlich als eine Möglichkeit an, dem Alltag zu entfliehen. Die "großen" Kinderbücher von Michael Ende, Astrid Lindgren usw. lese ich auch heute noch mit Vergnügen, darüber hinaus möchte ich mich Traumkirschen anschließen und Walter Moers als meinen Lieblingsautor benennen.
    Ich weiß nicht wieso, aber Bücher, welche mich sehr berührt haben - nicht unbedingt in einem zuviel, aber in einem sehrnah - sind Bücher japanischstämmiger Autoren, z.B. "Südlich der Grenze, westlich der Sonne", "Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß" und "Alles, was wir geben mussten". Da ist so eine Sehnsuch zwischen den Zeilen, die schmerzt und schön ist zugleich.
    Hab ein schönes Wochenende,
    Anna.

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  4. Lieber Pirandîl,
    bei Büchern bin ich gerne eine Seiltänzerin...
    Manche deuten seine Schreibkrise beim Labyrinth der Träumenden Bücher ja als Identifikation mit dem mythenmetzschen Zustand, aber damit tun sie Moers wohl zu viel der Ehre an, fürchte ich :( Auf dass das neue Buch besser wird!
    Unbedingt empfehlen würde ich "Südlich der Grenze", ein Buch über die Sehnsucht, und auch "Der Himmel ist blau", welches ein wenig vergnüglicher, d.h. nicht gar so ernst, ist.

    Mit ihrer Formulierung, dass der Sommer zu laut sei, hat deine kleine Nichte voll ins Schwarze getroffen. Auch meine Lieblingsjahreszeit ist der Herbst, genau wie du liebe ich vor allem den Geruch, irgendwie erdig und frisch und wehmütig, und den kühlen Wind im Gesicht.
    Ich freue mich schon :)
    Alles Liebe dir,
    Anna.

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