Donnerstag, 18. Juni 2015

Das Bauklötzchenspiel – zweiter Teil

Wie angekündigt kommt hier das zweite Kapitel der Abenteuergeschichte „Das Bauklötzchenspiel“. Es ist etwas länger als das erste Kapitel. Übrigens, falls Du das erste Kapitel noch nicht gelesen hast und es gerne lesen möchtest, » hier ist der Link dazu.

Das Bauklötzchenspiel


Eine Abenteuergeschichte mit leichter Sommergrippe, in drei Kapiteln, einem kurzen, einem etwas längeren und einem noch etwas längeren

Etwas längeres Kapitel


Als Jonas am nächsten Morgen von seiner Mutter geweckt wurde, hatte er immer noch die Sommergrippe. Sobald er wach war schaute er von seinem Bett aus auf den Boden, aber dort war nur der hellblaue Teppich, keine Spur von Meerwasser war zu sehen. Auch der Meeresgeruch war verschwunden und die Steine, das kleine Boot und die Bauklötzchen waren wieder ganz gewöhnliches Spielzeug. Vorsichtig stand Jonas auf, denn er wollte auf keinen Fall aus Versehen den Bauklötzchenturm umstoßen, wer weiß was dann mit Patiuscha geschehen wäre. Der Junge konnte sie zwar nirgendwo sehen, aber er stellte sich vor, dass sie im Turm war, wo sollte sie sonst sein, sie war ja rundum von Wasser umgeben.

Beim Frühstück erzählte er Mama von seiner Begegnung mit der kleinen Drachenreiterin, aber seine Mutter meinte dazu nur: „Da hast du aber einen sehr lebhaften Traum gehabt, das ist das Fieber, das ist normal bei einer Sommergrippe.“ Jonas glaubte aber nicht, dass alles nur ein Traum gewesen war, und als er sagte, dass er heute eine Brücke zu seinem Turm bauen müsse, damit Patiuscha von der Insel herunter käme, da lachte seine Mutter liebevoll. „Bevor du deine Brücke baust“, sagte Mama dann, „musst du aber zum Arzt, der soll sich dich und deine Sommergrippe mal ansehen.“ Jonas wollte nicht zum Arzt, er wollte die Brücke sofort bauen, denn er hoffte, dass der Zauber der vergangenen Nacht zurückkäme und sich wieder alles in echt verwandeln würde, sobald die Brücke gebaut war. Er konnte aber noch so sehr betteln, er musste seine Zähne putzen, sich anziehen und mit seiner Mutter zum Arzt fahren.

Erst am Mittag kamen sie wieder zurück, denn beim Arzt hatten sie furchtbar lange im Wartezimmer sitzen müssen. Jonas war froh darüber, dass er keine Spritze bekommen hatte, denn das war immer schrecklich für ihn. Der Arzt hatte ihn mit seinem Stethoskop abgehört und in seinen Hals geschaut. Dann hatte er gesagt, dass es nichts schlimmes wäre, eben nur eine kleine Sommergrippe, in ein paar Tagen wäre bestimmt alles vorbei. Jonas war sehr erschöpft, als er mit seiner Mutter in die Wohnung im fünften Stock des Wohnblocks zurückkehrte. Seine Sommergrippe machte ihn wieder fertig und nachdem er gegessen hatte musste er sich ins Bett legen und etwas schlafen. Am frühen Nachmittag wachte er wieder auf, gerade als Papa von der Arbeit nachhause kam. Sofort schaute Jonas nach dem Bauklötzchenturm, aber der Teppich war immer noch nur ein Teppich und die Bauklötzchen waren einfach nur Bauklötzchen. Von Patiuscha war nichts zu sehen. Da er sich etwas besser fühlte, stand Jonas auf, natürlich nur ganz vorsichtig, um den Turm nicht umzustoßen. Nachdem er Papa guten Tag gesagt und ihm einen Begrüßungskuss auf die Backe gegeben hatte, ging er in sein Zimmer zurück und zog vorsichtig die Kiste unter seinem Bett hervor in der seine restlichen Bauklötzchen waren. Einen Augenblick dachte er darüber nach, wie die Brücke aussehen sollte, dann holte er ein Klötzchen aus dem Karton, dann noch eins und noch eins und begann zu bauen. Er ließ die Brücke beim Turm beginnen. Zunächst hatte er vorgehabt, sie einfach gerade durch sein Zimmer bis zur Wand gehen zu lassen, aber das Bauen machte ihm so einen Spaß, dass er anfing, der Brücke Windungen und Kurven zu geben. Mitten in sein Zimmer baute er sogar ein kleines Häuschen, durch das die Brücke hindurch führte, bis sie schließlich an der Wand des Kinderzimmers endete.

Es war später Nachmittag, als Jonas mit dem Bauen fertig war, gerade rechtzeitig, denn seine Mutter rief ihn zum Abendessen. Die Brücke war prächtig geworden. Ich hoffe sie gefällt Patiuscha, dachte der Junge als er vorsichtig aufstand, um nur ja keinen Stein umzuwerfen. Nach dem Essen musste Jonas schlafen gehen. Er fühlte sich tatsächlich ziemlich müde, diese verdammte Sommergrippe. Als seine Mutter ihn zu Bett brachte, musste sie ganz behutsam durch sein Zimmer laufen, denn ihr Sohn hatte ihr gesagt, dass keines der Bauklötzchen umgestoßen werden durfte. Schließlich lag Jonas unter seiner Bettdecke und das Licht der Abenddämmerung fiel wieder durch den Spalt zwischen den Vorhängen. Ich hoffe wirklich, dass Patiuscha die Brücke gefällt, dachte er noch einmal, dann schlief er ein.

In der Nacht erwachte er wieder. Noch bevor er den Kopf unter der Decke hervor wühlte, konnte er den Meeresgeruch riechen, diesmal war er noch stärker und heftiger, als in der Nacht davor. Jonas hob den Kopf und erschrak im ersten Augenblick, denn sein Zimmer war verschwunden! Rings um ihn und sein Bett herum war Meer. Glatt und ganz ohne Wellen erstreckte sich das Wasser bis zum Horizont. Über ihm war ein schwarzer, wolkenloser Himmel voller Sterne und der große Vollmond tauchte alles in weißes Licht. Erst auf den zweiten Blick sah Jonas, dass außer ihm und seinem Bett noch etwas anderes da war: eine Brücke. Eine spielzeugkleine, steinerne Brücke erstreckte sich scheinbar endlos und mit vielen Kurven und Windungen durch das Meer. Sie war so klein verglichen mit Jonas und seinem Bett, dass der Junge sie in seiner Überraschung zunächst ganz übersehen hatte, obwohl sich die Brücke wie ein unglaublich langer Faden über das Meer dahin zog. Als Jonas sich über den Rand seines Betts beugte, um die Brücke genauer anzusehen, entdeckte er zu seiner Überraschung, dass sein Bett nicht etwa im Wasser oder auf einer Insel stand, sondern es schwebte knapp über der Wasseroberfläche. Von dieser Entdeckung war Jonas so erstaunt, dass er für einen Augenblick die Brücke völlig vergaß. Dann fiel sie ihm aber wieder ein. Neugierig schaute er auf das kleine Bauwerk und im hellen Mondlicht konnte er wie schon in der vorangegangenen Nacht beim Turm auch bei der Brücke noch ganz schwach die Bauklötzchen erkennen, aus denen sie bestand. Es war also tatsächlich seine Brücke. Im nächsten Augenblick geschah wieder etwas seltsames, denn ein schwacher, ganz sanfter Ruck ging durch sein Bett und dann merkte Jonas, dass sein Bett sich in Bewegung gesetzt hatte. Es schwebte ganz langsam und ruhig an der kleinen Brücke entlang über das Meer. Der Junge setzte sich aufrecht hin und betrachtete alles ganz genau, um nichts zu verpassen. Immer wieder schaute er auf die kleine Brücke, denn irgendwie war er sich sicher, dass er früher oder später Patiuscha darauf sehen würde.

Tatsächlich, nach einiger Zeit konnte Jonas in der Ferne im Mondlicht eine kleine Gestalt auf der Brücke erkennen. Als sein Bett näher heran schwebte, sah er, dass es die kleine Drachenreiterin war, die mit verstrubbelten schwarzen Haaren und barfuß auf der Brücke unterwegs war. Jonas rief und winkte ihr von seinem Bett aus zu. Das kleine Mädchen blieb stehen und wartete, bis er mit seinem Bett zu ihr geschwebt war. „Hallo“, rief sie, als Jonas bei ihr war, „da bist du ja wieder“. Dabei musste sie ihren Kopf in den Nacken legen, um Jonas ins Gesicht zu sehen, denn wie in der vorangegangenen Nacht war sie winzig klein, so klein, dass sie zu der Bauklötzchenbrücke passte, auf der sie ging. „Hallo“, sagte Jonas, „toll, dass du von der Insel mit dem Turm herunter gekommen bist“. „Ja“, antwortete Patiuscha, „auf einmal war diese super Brücke da, da habe ich mich natürlich sofort auf den Weg gemacht. War echt eine Überraschung, als sie auf einmal da stand, hast du die Brücke gebaut?“ Sie lächelte Jonas mit ihrem kleinen Gesicht an und der Junge errötet etwas, weshalb er nur ganz leise antwortet: „Ja, ich habe es dir doch versprochen.“

Das Mädchen ging weiter die Brücke entlang und Jonas schwebte auf seinem Bett neben ihr her. Sie redeten miteinander und Patiuscha erzählte Jonas von ihrem Vater, dem Häuptling der Drachenreiter, und wie sehr sie sich darauf freute, endlich die große Mauer mit dem steinernen Tor zu erreichen, hinter der der Berg Simelon lag, wo die wilden Flugdrachen leben. Die kleine Drachenreiterin erzählte Jonas gerade, mit welchem Trick sie einen der Drachen fangen wollte, denn das war ja die Aufgabe, wegen der sie ausgezogen war, als sie vor sich mitten im Meer ein Haus sahen, auf das die Brücke zulief. „Was ist das denn?“, fragte Patiuscha überrascht. Da viel Jonas wieder ein, dass er am Nachmittag ja auch ein kleines Haus aus Bauklötzchen gebaut hatte und er sagte: „Das habe ich aus Versehen auch gebaut, aber mach dir keine Sorgen, die Brücke geht durch das Haus durch und auf der anderen Seite weiter.“ Da war er sich ganz sicher, denn schließlich hatte er die Brücke ja genau so gebaut. Als sie näher kamen, konnten sie sehen, dass tatsächlich in dem Haus ein Torbogen war, durch den die Brücke hindurch und auf der anderen Seite weiter führte. Sie sahen aber auch, dass vor dem Torbogen eine heruntergelassene Holzschranke war und vor der Schranke stand ein kleiner Tisch mit einem Stuhl und einer Laterne und an dem Tisch saß jemand, der anscheinend eingeschlafen war, denn sein Kopf und seine Arme lagen auf der Tischplatte. „Hast du den etwa auch gebaut?“, fragte Patiuscha Jonas mit einem etwas säuerlichen Tonfall. „Nein“, antwortet Jonas verwirrt, „der muss von selbst dazugekommen sein.“

Der Unbekannte am Tisch hatte anscheinend nur sehr leicht geschlafen, denn während Jonas und Patiuscha noch miteinander sprachen richtete er sich plötzlich auf, gähnte herzhaft und blickte sie an. Im hellen Mondlicht und im Schein der Laterne auf dem Tisch konnten die beiden Kinder erkennen, dass es sich um ein Walross handelte, das da vor der Schranke saß. Für Jonas war natürlich auch das Walross nur spielzeugklein, er konnte aber von seinem Bett aus sehen, dass das massige Tier um einiges größer als Patiuscha war. Der Stuhl und der Tisch an dem das Walross saß, schienen etwas zu klein für das Tier zu sein. Über seiner rosa Haut trug es eine marineblaue Uniformjacke mit schimmernden Metallknöpfen, die ihm ebenfalls etwas zu eng zu sein schien, und auf seinem kahlen Kopf trug es eine ebenso marineblaue Schirmmütze, die jedoch etwas schief saß, da das Walross ja eben noch mit dem Kopf auf der Tischplatte geschlafen hatte. Wie alle Walrosse hatte es einen mächtigen Schnurrbart und aus seinem Mund ragten zwei lange Zähne. Patiuscha war inzwischen näher an den seltsamen Kerl herangekommen und Jonas beobachtete gespannt, wie das Walross sich hinter seinem Tisch zu voller Größe aufrichtete. Es schnaubte laut, wobei seine Schnurrbart-Haare kräftig wackelten, und rief dann mit tiefer Stimme: „Halt, wer da?“ Dabei hob es seine rechte Vorderflosse, die im Ärmel der marineblauen Uniformjacke steckte.

Patiuscha blieb vor dem Walross stehen. Das musste sie auch, denn da die Schranke heruntergelassen war, hätte sie beim besten Willen unmöglich weiter gehen können. Das Walross blickte mit seinen kleinen Knopfaugen auf sie herunter, denn es war tatsächlich etwa drei Köpfe größer als das Mädchen. Von Jonas jedoch nahm der seltsame Brückenwächter keine Notiz, aber der Junge bewegte sich ja auch nicht auf der Brücke. Aus seiner Uniformjacke holte das Walross nun einen Notizblock und einen Bleistift hervor und brummte unter seinem Schnurrbart: „Für’s Protokoll, Name, Reiseziel und Ausweispapiere?“ Patiuscha antwortete mit stolzer Stimme: „Ich bin Prinzessin Patiuscha und auf dem Weg zum Berg Simelon in der Ferne, wo ich einen der wilden Flugdrachen fangen und zähmen werde. Ausweispapiere habe ich keine, so etwas gibt’s beim Stamm der Drachenreiter nicht und nun klapp diese dämliche Schranke hoch. Wer bis du überhaupt und was machst du hier mitten im Meer?“ Das Walross hielt den Bleistift in seiner Flosse und machte damit mühsam einige Notizen, wobei es sehr angestrengt auf den Block starrte, den es nahe bei der Laterne auf den Tisch gelegt hatte. Als es damit fertig war, richtete es sich wieder auf, hob die rechte Flosse grüßend zur Schirmmütze und sagte: „Oberministerialbrückengeheimrat Daffenbühl auf Nachtschicht, und ich bedaure Prinzessin, aber ohne Ausweispapiere darfst du leider nicht passieren, das heißt durch die Schranke durchgehen, da sind die Vorschriften sehr eindeutig.“ Patiuscha starrte ihn einen Moment lang mit bösen Augen an, dann platzte sie. Sie stampfte wütend mit dem Fuß auf den Boden und rief mit lauter Stimme: „Wie bitte? Ich bin eine Prinzessin, du fetter Brückengemeinrat und jetzt klapp die Schranke hoch!“ Sie warf dem Walross noch eine Reihe anderer Beleidigungen an den Kopf, die kleine Mädchen eigentlich nicht kennen sollten, kleine Prinzessinnen übrigens erst recht nicht. Jonas, der das alles von seinem Bett aus betrachtete, dachte, dass er die Schranke sofort hochklappen würde, blaffte ihn jemand so an, wie Patiuscha es gerade mit dem Walross machte, aber der Oberministerialbrückengeheimrat schien von all dem ziemlich unbeeindruckt zu sein. Jonas sah sogar, dass der Mund unter dem Walrossschnurrbart sich zu einem Grinsen verzog und er glaubte, ein listiges Funkeln in den Augen des Brückenwächters zu sehen.

Nachdem Patiuschas Wutanfall vorbei war und sie aufgehört hatte wie eine Furie zu schreien, räusperte sich das Walross und sagte: „Natürlich kannst du auch von einer Sonder-Spezialregel gebrauch machen, dem sogenannten ‚Prinzessinnenprivileg‘, ich nehme an, du bist mit den Regeln vertraut?“ „Prinzessinnenprivileg?“, sagte Patiuscha erstaunt. „Das klingt doch schon viel besser, natürlich mache ich davon gebrauch, also los, klapp die Schranke hoch.“ „Nicht so eilig“, brummte der Oberministerialbrückengeheimrat Daffenbühl und schmunzelte unter seinem Schnurrbart verräterisch. Jonas war sich nun absolut sicher, dass das Walross etwas im Schilde führte. Der Brückenwächter holte aus einer Schublade seines Tischs ein dickes Buch heraus, schlug es auf und blätterte einen Augenblick darin herum. „Schauen wir doch erst einmal in die Dienstanweisungen“, murmelte er und rief dann mit gespielter Überraschung: „Ah, hier haben wir es doch, das Prinzessinnenprivileg.“

Er räusperte sich und las dann mit bedeutungsschwerer Stimme laut vor: „Prinzessinnenprivileg: Prinzessinnen dürfen die Brückenschranke zu jeder Tages- und Nachtzeit passieren ohne Ausweispapiere vorlegen zu müssen, wenn sie das Rätsel lösen können, welches ihnen der diensthabende Oberministerialbrückengeheimrat zu lösen aufgibt. Können sie das Rätsel jedoch nicht lösen“, an dieser Stelle verzog sich der Mund des Walrosses zu einem breiten Grinsen, „so müssen sie für alle Zeit beim diensthabenden Oberministerialbrückengeheimrat bleiben, für ihn kochen und putzen und ihm an jedem Dienstag den Nacken kraulen.“ Patiuscha machte ein ziemlich überraschtes Gesicht, als sie das hörte, aber noch bevor sie irgendetwas sagen konnte sprach das Walross schon weiter: „Da du ja bereits gesagt hast, dass du das Prinzessinnenprivileg in Anspruch nimmst, kommen wir nun zu dem Rätsel, das ich dir stellen muss.“ Der Oberministerialbrückengeheimrat machte ein kurze Pause und sagte dann:

„Der weiße Knopf auf schwarzem Samt
ist manchmal rund und manchmal krumm,
mit Nadelstichen drum herum
und manchmal ist er gar nicht da,
der weiße Knopf – wie sonderbar.
Was könnte das wohl bedeuten?“

Patiuscha antwortete nicht sofort auf dieses Rätsel und der Oberministerialbrückengeheimrat Daffenbühl machte ein sehr zufriedenes Gesicht und rieb sich die Walrossflossen. Jonas konnte von seinem Bett aus aber sehen, dass seine Freundin angestrengt nachdachte, denn selbstverständlich wollte sie in keinem Fall bei diesem Kerl bleiben und ihm jeden Dienstag den Nacken kraulen – vom Kochen und Putzen ganz zu schweigen. Auch Jonas dachte nach, was das Rätsel bedeuten könnte, aber er kam und kam nicht drauf. Während er nachdachte streifte sein Blick von Patiuscha über das Meer und dann hoch zum Himmel. Dort stand der Vollmond, groß, rund und weiß und um ihn herum leuchteten die Sterne. Da viel Jonas plötzlich ein, dass der Mond ja nicht immer rund war, sondern manchmal war er auch nur eine halbe Kugel oder ein dünner krummer Schlitz und manchmal stand er auch gar nicht am Himmel. Natürlich, das war die Lösung des Rätsels: der Mond am schwarzen Nachthimmel und drum herum die Sterne, die waren die Nadelstiche im schwarzen Samt. Patiuscha hatte anscheinend den gleichen Gedanken gehabt, denn gleichzeitig riefen sie und Jonas: „Der Mond und die Sterne!“

Es war dem Oberministerialbrückengeheimrat gar nicht recht, dass sein Rätsel gelöst worden war, denn er hatte sich schon sehr darauf gefreut, von Patiuscha den Nacken gekrault zu bekommen. Aber wie jeder gute Beamte hielt er sich strikt an seine Dienstanweisungen. Darum machte er zwar ein säuerliches Walrossgesicht und schnaubte ärgerlich, aber er hob die Schranke und sagte mit zerknirschter Stimme: „Na schön, du kannst passieren.“ Patiuscha warf dem Brückenwächter einen stolzen Blick zu, und als sie an ihm vorbeiging, konnte sie es sich nicht verkneifen und zischte ihn von der Seite schnippisch an: „Kraul’ dir selbst den Nacken, du fieser Gemeinrat.“ Das wiederum machte den Oberministerialbrückengeheimrat Daffenbühl ärgerlich und als Patiuscha schon durch den Torbogen des kleinen Häuschens durch war, rief er ihr noch hinterher: „Lauf nur, du verdammte Prinzessin. Bei der großen Mauer mit dem steinernen Tor wartet Skeska auf dich, du wirst dir noch wünschen, hier bei mir zu sein und mir den Nacken zu kraulen.“ Skeska, wer soll das denn sein, dachte Jonas schläfrig, während er von seinem Bett aus sah, wie Patiuscha auf der anderen Seite des Häuschens weiter über die Brücke lief. Sein Bett hatte aufgehört sich zu bewegen und so entfernte sich das Mädchen auf der Brücke immer weiter von ihm, während der Junge spürte, wie er müder und müder wurde. Schließlich fielen ihm die Augen zu.

Dies war das zweite Kapitel der Geschichte „Das Bauklötzchenspiel“. Wie es weiter geht erfährst Du am Samstag, dann findest Du hier in meinem Blog » das dritte und letzte Kapitel der Abenteuer von Patiuscha und Jonas.

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