Dienstag, 16. Juni 2015

Das Bauklötzchenspiel – eine Abenteuergeschichte mit leichter Sommergrippe

Was ich anfangs für eine einfache Erkältung hielt, hat sich zur regelrechten „Sommergrippe“ ausgewachsen. Diese Woche liege ich flach, ich hoffe, das reicht, um die Krankheit loszuwerden. In meinem Blog wird es aber dennoch einiges zu lesen geben. „Das Bauklötzchenspiel“ lautet der Titel der Geschichte. Es ist eine „Abenteuergeschichte mit leichter Sommergrippe“, nun dürfte klar sein, wie der Zusammenhang ist. Diejenigen unter Euch, die dem Blog schon länger folgen, erinnern sich vielleicht, ich habe im vergangenen Jahr schon einmal einen Teil dieser Geschichte hier eingestellt. Damals wollte ich Werbung für ein E-Book machen. Diesmal aber geht es nicht um Werbung. Hier ist das komplette erste Kapitel des „Bauklötzchenspiels“, die beiden anderen Kapitel folgen bald.

Das Bauklötzchenspiel


Eine Abenteuergeschichte mit leichter Sommergrippe, in drei Kapiteln, einem kurzen, einem etwas längeren und einem noch etwas längeren

Kurzes Kapitel


Jonas war krank und das mitten im Juni, es war einfach zu dumm! Draußen war es wunderschön, die Sonne schien, es war warm, alles war grün, aber anstatt zusammen mit den anderen Kindern im Park oder in irgendeinem Garten zu spielen, musste Jonas zuhause bleiben, denn er hatte die „Sommergrippe“. „Das dauert nicht lange, ein paar Tage, dann ist es vorbei“, hatte seine Mutter gesagt, als sie ihn ins Bett gesteckt hatte, aber das machte es auch nicht besser. Jonas fühlte sich nicht gut, er war matt, dauernd müde und manchmal tat sein Kopf weh. Er wünschte sich wirklich, dass diese verdammte Sommergrippe bald vorbei war.

Es war Nachmittag und Jonas stand mit seiner Sommergrippe am Fenster des Kinderzimmers und schaute hinaus. Er war dafür extra auf die Kiste geklettert, die unter dem Fenster stand und in der seine Spielsachen waren. Er wohnte zusammen mit seinem Vater und seiner Mutter im fünften Stock eines Wohnblocks am Rand einer Wohnsiedlung und die Wohnsiedlung lag am Rand einer Stadt. Von seinem Fenster aus konnte Jonas die anderen Häuser der Siedlung gut sehen. Sie waren kleiner als der Wohnblock in dem er lebte, außerdem hatten sie spitze Dächer und kleine Gärten. Der Wohnblock war zwar höher als die anderen Häuser, hatte aber ein flaches Dach und keinen Garten. Dafür stand er mitten in einer großen Wiese auf der man fangen spielen konnte und die größeren Jungs spielten dort Fußball. Nun schaute Jonas aber nicht auf die Dächer der anderen Häuser, was er sonst immer gerne tat, sondern er schaute nach unten auf die Eingangstür des Wohnblocks, wo gerade zwei Gestalten herauskamen. Das waren Rebecca und ihre Mutter. Rebecca war ein kleines Mädchen, das zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester Sara in einem der Häuser in der Nachbarschaft wohnte. Sie ging in die gleiche Kindergartengruppe wie Jonas, denn sie und er waren gleich alt und im nächsten Jahr würden Rebecca und Jonas zusammen in die Schule gehen. Heute hatte Rebecca zusammen mit ihrer Mutter einen Krankenbesuch bei Jonas gemacht, um ihm gute Besserung zu wünschen. Rebeccas Mutter und Jonas’ Mutter hatten zusammen Kaffee getrunken und Rebecca und Jonas hatten zusammen gespielt, natürlich nur im Kinderzimmer und nicht draußen, denn Jonas hatte ja die Sommergrippe. Dann war der Besuch aber vorbei gewesen und Rebecca und ihre Mutter waren wieder gegangen. Jonas konnte vom Fenster aus sehen, wie sie vom Wohnblock weg zu den kleinen Häusern liefen, bis sie schließlich in einer Seitenstraße zwischen zwei Gärten verschwanden. In diesem Augenblick kam seine Mutter in das Zimmer herein und rief: „Komm’ Jonas, du musst noch etwas essen und dann gehst du ins Bett.“

Nachdem Jonas gegessen hatte, es hatte Hühnersuppe mit Buchstabennudeln gegeben, schickte ihn seine Mutter ins Bett, obwohl es noch gar nicht dunkel war. Auch sein Papa war noch nicht nachhause gekommen, denn der musste heute länger arbeiten, wie Mama erklärt hatte. „Du legst dich jetzt hin und versuchst zu schlafen, denn du bist krank und brauchst darum Ruhe. Ich werde nur noch schnell aufräumen“, sagte seine Mutter, nachdem sie Jonas zugedeckt hatte und beugte sich zu den Spielsachen herunter, die auf dem Boden lagen. „Nein, nicht aufräumen“, rief da ihr Sohn unter der Decke hervor. „Rebecca und ich haben das gebaut, es soll stehen bleiben, bitte“, sagte Jonas weiter. Auf dem Boden des Kinderzimmers hatten er und seine Freundin Rebecca am Nachmittag einen Turm aus Bauklötzchen gebaut und dann hatten sie noch drei Steine aus Jonas’ Setzkasten dazu gestellt, die Jonas irgendwo einmal aufgelesen hatte weil sie ihm so gut gefallen hatten, und das kleine Segelboot aus Holz hatten sie auch dazu gestellt, das Jonas’ Papa einmal von einer Geschäftsreise an die Nordsee mitgebracht hatte. „Das ist der geheimnisvolle Turm auf der Insel im Meer“, hatte Rebecca gesagt, die sich besonders gut Geschichten ausdenken konnte. „Und die Steine, das sind die Klippen, die um die Insel herum im Wasser stehen“, hatte sie weiter erklärt und schließlich hatte sie noch hinzugefügt: „Und die Wellen haben das Segelboot gegen die Klippen geworfen und es ist zerbrochen und wer immer auch auf dem Schiff war, der muss sich nun auf die Insel zum Turm retten, um nicht zu ertrinken.“ Jonas mochte die Vorstellung von einem Turm, der mitten im Meer auf einer Insel steht, darum wollte er, dass die Bauklötzchen, die Steine und das Boot stehen blieben. Seine Mutter schaute ihn kurz streng an, aber dann lächelte sie und sagte: „Na schön, weil du krank bist. Aber die Vorhänge müssen wir zuziehen, damit du besser schlafen kannst.“ Mit diesen Worten zog sie die Vorhänge vor dem Fenster zu, dann beugte sie sich zu ihrem Sohn herunter, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und sagte noch: „Schlaf’ gut Jonas und gute Besserung.“ Dann ging sie hinaus.

Eine Weile lag Jonas wach in seinem Bett. Es war nur halbdunkel im Kinderzimmer, denn die Vorhänge waren etwas zu schmal weshalb immer ein kleiner Spalt offen blieb und durch diesen Spalt zwischen den Vorhängen fiel nun das Licht des späten Juninachmittags. Es kam dem Jungen seltsam vor, zum Schlafen im Bett zu liegen, obwohl draußen noch Tageslicht war. Im Lichtstrahl, der durch die Vorhänge viel, konnte Jonas den Bauklötzchenturm, die Steine und das kleine Segelboot auf dem Boden seines Zimmers gut sehen. Dann spürte er wie seine Augen immer schwerer und schwerer wurden und schließlich schlief er ein. Mitten in der Nacht wachte Jonas aber wieder auf, weil ihm heiß war. Er strampelte die Decke von sich herunter und wollte gerade wieder einschlafen, als er merkte dass etwas nicht stimmte. Es roch komisch in seinem Zimmer, es roch nach Feuchtigkeit, nach Salz und Algen, es roch nach Meer! Müde hob der Junge den Kopf und dann war er plötzlich hellwach. Durch den Spalt zwischen den Vorhängen fiel Mondlicht in sein Zimmer und es musste ein sehr heller Mond am Himmel sein, denn Jonas konnte seine Bettdecke und sogar die Wände seines Zimmers gut erkennen. Auch den Turm, die Klippen und das kleine Segelboot zu Füßen seines Betts sah er genau, doch wo vorher der hellblaue Teppich des Kinderzimmers gewesen war, da war nun Wasser! Im Mondlicht konnte Jonas sehen, wie es in Wellen gegen die Klippen brandete und wie das Segelschiff, das als Wrack zwischen den Felsen hing, davon hin und her geschaukelt wurde. Natürlich waren die Steine und das Boot immer noch spielzeugklein, aber sie wirkten nun genauso echt, wie das Meerwasser, das auch gegen die Füße seines Betts schwappte. Auch der Turm, der nun tatsächlich auf einer kleinen felsigen Insel mitten im Meer stand, war noch genauso klein wie vorher, doch auch er sah nun wie ein echter Turm aus, nur ganz schwach konnte der Junge von seinem Bett aus noch die Bauklötzchen erkennen, aus denen der Turm bestand. Jonas hatte aber keine Zeit, um lange über all das nachzudenken, denn was im nächsten Augenblick geschah, war noch viel überraschender: Um den Turm herum kam ein Mädchen gelaufen. Natürlich war es ein winzig kleines Mädchen, so klein, dass sie zu dem Turm und dem Schiff passte, aber Jonas sah im hellen Mondlicht genau, dass es ein echtes, lebendiges Mädchen war. Sie hatte strubbelige schwarze Haare, die bis zu ihren Schultern hingen, trug ein helles, mit Stickereien verziertes Lederhemd und eine dunkle Lederhose. Schuhe hatte sie aber keine an, sie lief barfuss über die Felsen und wirkte wie jemand, der vor einiger Zeit ziemlich nass geworden war und nun trocknete. Außerdem schien sie wütend zu sein, denn sie machte ein sehr grimmiges Gesicht. Jonas sah, wie sich das Mädchen auf einen Felsen am Ufer setzte und mit zornigen kleinen Augen auf das Schiffswrack zwischen den Klippen schaute. Der Junge konnte es kaum fassen, sein und Rebeccas Spiel war echt geworden, aber wer war bloß dieses Mädchen? Schließlich hielt er es nicht mehr aus und sagte mit leiser Stimme, denn er wollte seine Eltern ja nicht wecken: „Hallo, wer bis du denn?“

Das Mädchen, das Jonas bisher noch gar nicht bemerkte zu haben schien, erschrak und blickte dann nach oben, denn Jonas und sein Bett waren viel größer als sie. Dann stand sie auf, stieg auf den Felsen auf dem sie vorher gesessen hatte und sagte mit leiser Stimme: „Hallo, ich heiße Patiuscha und wer bist Du?“ Obwohl sie so klein war konnte Jonas sie gut verstehen und er flüsterte zurück: „Ich heiße Jonas. Wie bist du denn da hingekommen, warst du auf dem Schiff?“ „Ja“, gab sie zur Antwort, „ich war mit meinem Segelboot unterwegs, aber bei Sonnenuntergang kam ein Sturm auf und der Wind und die Wellen haben mein Schiff gegen die Klippen getrieben. Zum Glück konnte ich mich auf die Insel hier retten.“ Sie seufzte und fügte dann mit ärgerlichem Ton noch hinzu: „Jetzt ist der Sturm vorbei, das Meer ist wieder friedlich und der Mond scheint, aber mein Boot ist nur noch Schrott und ich sitze hier fest.“ „Und wo kommst du her und wo willst du hin?“, fragte Jonas weiter, der aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kam. Das Mädchen warf ihm einen finsteren Blick zu, sie schien wirklich schlechte Laune zu haben, aber dann straffte sie sich und sagte mit stolzer Stimme: „Ich bin Prinzessin Patiuscha, die Tochter des Häuptlings Gilgamar vom Stamm der Drachenreiter. Ich bin unterwegs zum Berg Simelon in der Ferne, hinter der großen Mauer mit dem steinernen Tor.“ „Das klingt ja unglaublich spannend“, flüsterte Jonas ehrfürchtig, „warum musst du denn dorthin?“ Patiuscha seufzte erneut und setzte sich wieder auf den Felsen. Dann sagte sie mit einem Ton, mit dem man Leuten etwas erklärt, was eigentlich jeder schon wissen sollte: „Na weil ich vom Stamm der Drachenreiter bin. An den Hängen des Bergs Simelon hinter der großen Mauer leben die wilden Flugdrachen und wie jeder Angehörige meines Stammes muss auch ich dorthin ziehen und einen der Flugdrachen fangen und zähmen, um dann auf ihm zu reiten, so ist das üblich bei uns. Und natürlich muss ich alleine dorthin gelangen und den Drachen auch alleine fangen und zähmen, denn so ist das Gesetz meines Stammes, aber dafür muss ich erst mal von dieser verdammte Insel runterkommen!“ Bei den letzten Worten hatte sie wütend einen Kieselstein nach dem Schiffswrack geschmissen, es war aber zu weit weg und darum plumpste der Stein nur ins Wasser. Jonas fand die Geschichte furchtbar spannend, aber er spürte auch, dass seine Sommergrippe sich wieder bemerkbar machte, denn obwohl alles so aufregend war wurde er doch langsam müde. Er unterdrückte ein Gähnen und fragte: „Kannst du das Boot denn nicht reparieren?“ „Nein, das ist hin“, gab sie zur Antwort. „Eine Brücke oder so etwas wäre toll, aber die fallen ja leider nicht vom Himmel“, fügte sie noch hinzu und schnaubte gereizt. Jonas spürte, wie seine Sommergrippe ihn immer müder werden ließ, die Augen klappten ihm schon zu. Mit schläfriger Stimme sagte er: „Kein Problem, ich habe noch Bauklötzchen, ich baue dir eine Brücke, gleich morgen.“ Sein Kopf sank auf das Kissen, aber kurz vor dem Einschlafen hörte er noch Patiuscha sagen: „Das wäre wirklich toll, wenn du das machen könntest.“

Dies war das erste Kapitel der Erzählung „Das Bauklötzchenspiel“. Das zweite Kapitel » wird am kommenden Donnerstag hier im Blog veröffentlicht.

Kommentare:

  1. Lieber Pirandîl,
    das hat mich ein ganz klein wenig an mein liebstes Kinderbuch, "Wo die wilden Kerle wohnen", erinnert - ich freue mich also schon sehr auf den nächsten Teil :)
    Gute Besserung und liebe Grüße
    Anna.

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  2. Das klingt nach Spannung für Jonas. Das zweite Kapitel wird sehnlichst erwartet. =)
    Danke für deinen Kommentar. Hoffentlich ist deine Grippe am abklingen.

    Liebe Grüße
    Emaschi

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