Samstag, 20. Juni 2015

Das Bauklötzchenspiel – dritter Teil

Wie angekündigt kommt hier das dritte und letzte Kapitel der Geschichte „Das Bauklötzchenspiel“. Solltest Du die ersten beiden Kapitel nicht gelesen haben, so ist hier der » Link zum ersten Kapitel und hier der » Link zum zweiten Kapitel der Geschichte um Jonas und die kleine Drachenreiterin Patiuscha. Ein schönes Wochenende Euch allen.

Das Bauklötzchenspiel


Eine Abenteuergeschichte mit leichter Sommergrippe, in drei Kapiteln, einem kurzen, einem etwas längeren und einem noch etwas längeren

Noch etwas längeres Kapitel


Es war schon fast Mittag, als seine Mutter ihn am nächsten Tag weckte und Jonas spürte, dass ihn die Sommergrippe heute ganz besonders fertig machte. Er fühlte sich schwach und elend, aber seine Mutter meinte, das wäre normal bei einer Sommergrippe, am dritten Tag wäre sie immer am schlimmsten und erst danach würde sie weg gehen. „Komm Jonas, du isst eine Kleinigkeit und dann legst du dich wieder hin, das ist das beste, was man da machen kann“ sagte sie und Jonas folgte ihr in die Küche. Mehr als ein Toastbrot mit Wurst konnte er aber nicht essen, er fühlte sich einfach zu krank. Danach legte er sich wieder ins Bett und schlief tatsächlich wieder ein. Als Jonas etwas später aufwachte, fühlte er sich besser und er erinnerte sich an die Ereignisse der letzten Nacht. Er dachte an Patiuscha, die auf dem Weg zum Berg Simelon war, um dort einen Drachen zu fangen. Irgendwie fühlte der Junge, dass er auch die große Mauer und das steinerne Tor für das Mädchen bauen musste, denn das war ja die nächste Station auf Patiuschas Reise. Ich werde dafür den Turm und auch einen Teil der Brücke abbauen müssen, um genügend Bauklötzchen zu haben, dachte Jonas, als er vorsichtig aus seinem Bett aufstand, denn er hielt es immer noch für wichtig, nur ja nichts umzustoßen. Er ließ nur den letzten Abschnitt der Brücke hinter dem Haus des Oberministerialbrückengeheimrats stehen. Aus den anderen Bauklötzchen errichtete er an der Wand seines Kinderzimmers, dort wo die Bauklötzchenbrücke endete, eine große Mauer. Eine Weile fragte er sich, wie er das steinerne Tor am besten bauen sollte. Hat ein steinernes Tor tatsächlich eine Tür aus Stein, fragte er sich einen Moment lang, aber dann fiel ihm ein, dass ein Tor aus Stein auch einfach ein steinerner Torbogen ganz ohne Tür sein konnte und das war viel einfacher zu bauen, also baute er es auch so.

Als am Nachmittag Papa von der Arbeit nachhause kam, war Jonas gerade fertig geworden und er war ziemlich erschöpft, da seine Sommergrippe, wie schon gesagt, heute besonders schlimm war. Als Mama ihn dann zum Abendessen rief, sah sie ihn einen Augenblick lang abschätzend an und legte ihre Hand auf seine Stirn. „Da geht jemand aber direkt nach dem Abendessen ins Bett, damit diese verdammte Sommergrippe endlich vorbei ist“, sagte sie und lächelte ihn dabei an. Jonas nickte, aber als er nach dem Essen in sein Bett wollte, hielt ihn seine Mutter an der Hand fest und sagte: „Du hast heute noch keine Zähne geputzt, mach’ das bitte jetzt und dann gehst du schlafen.“ Jonas tat auch das, und als er endlich im Bett lag und seine Mutter ihn zudeckte, war er wirklich unglaublich müde. „Jetzt schläfst du und du wirst sehen, morgen wird die Sommergrippe schon viel weniger schlimm sein, so ist das immer“, sagte sie und gab ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn. Dann zog sie die Vorhänge zu und sagte noch, was für eine schöne Mauer er doch aus seinen Bauklötzchen gebaut habe, aber ihr Sohn konnte ihr keine Antwort mehr darauf geben, denn er war schon tief eingeschlafen.

Als Jonas wieder aufwachte, fühlte er, wie der Wind über seine Haare strich und er hörte das Rauschen von Wellen. Von der Sommergrippe war nichts zu spüren und neugierig schlug er die Decke zurück, setzte sich in seinem Bett auf und sah sich um: es war unglaublich! Über ihm war ein Nachthimmel, der über und über mit Sternen bedeckt war und direkt über seinem Bett stand ein großer, runder Mond, der alles in silbriges Licht tauchte. Das unglaublichste aber war, Jonas war nun mitten drin in dem Spiel. Er erinnerte sich genau, gestern Nacht war die Bauklötzchenbrücke noch spielzeugklein gewesen und er und sein Bett riesengroß. Nun jedoch stand Jonas’ Bett auf der Brücke und sie war so groß und so breit, wie eine richtige Brücke, die unendlich lang über das Meer führte, bis sie irgendwo weit hinten in der Dunkelheit immer kleiner und kleiner wurde und schließlich verschwand. Aufgeregt, aber auch ein bisschen ängstlich, stieg der Junge aus seinem Bett und sah sich um. Ganz schwach konnte er wie gestern die Linien der Bauklötzchen erkennen, aus denen die Brücke bestand, aber sie waren nun gewaltig groß. Waren sie gewachsen, oder war Jonas geschrumpft? Tief unten an den Pfeilern der Brücke rauschte das Meer und als Jonas sich umdrehte, sah er im hellen Mondlicht die große Mauer. Hoch und mächtig türmte sie sich auf. Jonas war so erschrocken von ihrem Anblick, dass er einen Schritt zurück stolperte, als er sie sah. Sie war ungeheuer groß und führte scheinbar endlos nach links und nach rechts durch das Meer. Wie der Junge jetzt sah, waren er und sein Bett fast am Ende der Brücke, die nach wenigen Schritten auf einen breiten steinernen Platz führte, der zwischen der Mauer und der Brücke lag und die flache Spitze eines großen Felsens war, der hier aus dem Meer heraus ragte. Und da, am Ende des Platzes war auch das steinerne Tor. Ein großer Torbogen aus Stein, der wie ein Loch in der Mauer gähnte. Genau so wie ich es gebaut habe, dachte Jonas, nur der Platz vor dem Tor, der ist von selbst dazu gekommen, sieht aber gar nicht schlecht aus.

Hinter dem großen Torbogen war nur Dunkelheit. „Ob ich den Berg Simelon sehen kann, wenn ich näher heran gehe?“, fragte sich Jonas leise selbst und ging einige Schritte weiter, bis er an den Anfang des steinernen Platzes kam. Hier blieb er stehen, denn ihm fiel Patiuscha ein. Wo steckte sie eigentlich? Jonas warf einen Blick zurück aber sie war nirgends zu sehen. Bestimmt ist sie noch auf der Brücke unterwegs und trifft jeden Augenblick hier ein, dachte er. Ob ich auf sie warten soll? Er zögerte kurz, aber da er sehr neugierig war lief er schließlich doch weiter. Er wollte nur ganz kurz einen Blick durch das Tor werfen, dann konnte er immer noch auf die kleine Drachenreiterin warten.

Auf der linken Hälfte des Platzes war ein kleiner Garten. Dort wuchs ein krummer Baum, der seine Äste dem Meer entgegen streckte und um den Baum herum war eine Wiese, auf der große, silberne Blumen wuchsen und im Mondlicht leuchteten. Ein süßer, angenehmer Duft wehte von dort zu Jonas herüber, aber er hatte jetzt keine Zeit, sich die Blumen anzusehen, er wollte durch das Tor blicken. Der Junge ging noch einige Schritte weiter, als ihm wieder etwas einfiel. Was hatte der Oberministerialbrückengeheimrat Daffenbühl gestern noch gesagt, als Patiuscha an ihm vorbei gegangen war? Wie war das doch gleich gewesen: „Lauf nur, du verdammte Prinzessin. Bei der großen Mauer mit dem steinernen Tor wartet Skeska auf dich.“ Das hatte das Walross gesagt, aber was bedeutete das, wer war Skeska? Und was war sie oder er und war sie oder er gefährlich? Jonas blieb wie angewurzelt stehen und sah sich nach allen Richtungen um, aber alles war friedlich. Er lauschte, aber außer dem Rauschen des Meeres war nichts zu hören. Wer oder was nun auch immer Skeska war, er oder sie war nicht zu sehen. Jonas lief darum vorsichtig weiter und war schon fast bei dem großen Torbogen, als er plötzlich ein lautes Zischen hörte. In der Dunkelheit hinter dem Torbogen glitzerte etwas und nun sah Jonas ein großes schuppiges Tier, das aus dem Tor heraus auf ihn zu kroch. Es war eine große, glänzende Eidechse mit leuchtenden Augen die direkt auf den Jungen zukam. Nicht einen Augenblick zu spät drehte sich Jonas um und rannte ohne weiter nachzudenken über den Platz zu dem kleinen Garten, der nun rechts von ihm lag, und kletterte dort auf den Baum. Als er oben in den Ästen saß, fühlte er sich etwas sicherer und sah zurück. Skeska, denn das musste die Eidechse sein, stand nun mitten auf dem Platz, und die Schuppen, die ihren Körper, ihren langen Schwanz, ihren spitzen Kopf und die vier kurzen Beine bedeckten, glitzerten im Mondlicht. Die Augen des Tieres aber leuchteten wie zwei kleine Lampen.

Von seinem Ast aus sah Jonas, das Skeska ein Halsband aus Silber trug und an dem Halsband hing eine silberne Kette die bis zum Torbogen reichte. „Sie ist also gefesselt“, sagte der Junge zu sich selbst, „ich frage mich, wie lang diese Kette ist?“ Schon im nächsten Augenblick sah Jonas, dass die Kette keineswegs bereits zu Ende war, denn Skeska gab wieder ein lautes Zischen von sich, wobei eine lange gegabelte Zunge aus ihrem Mund fuhr, und stapfte dann mit ihren kurzen Beinen auf den kleinen Garten, den Baum und Jonas zu. Die silberne Kette an ihrem Hals schleifte sie dabei hinter sich her. Jonas wurde es mulmig zumute. Reichte die Kette bis zum Garten? Reichte die Kette bis zum Baum? Konnten Eidechsen auf Bäume klettern und wenn sie es konnten, reichte die Kette bis auf den Baum hinauf? Diese Fragen schossen dem Jungen durch den Kopf, während Skeska Schritt für Schritt immer näher kam.

Die Kette reichte bis zum Garten, denn die Eidechse hatte den Rand der kleinen Wiese erreicht. Die Kette reichte auch weiter, denn Skeska trat nun mit einer ihrer Klauen auf die Wiese. Gerade wollte sie einen weiteren Schritt auf die Wiese Richtung Baum und Jonas machen, als sie plötzlich ein lautes Zischen von sich gab und mit einem gewaltigen Satz zurück sprang. Jonas konnte von seinem Baum aus sehen, wie sie auf dem steinernen Platz stehen blieb und ihren spitzen Kopf hin und her schwenkte. Skeska lief erneut auf die Wiese zu, diesmal blieb sie aber schon vor dem Wiesenrand stehen und zischte und dann schlug sie mit ihrer Klaue nach einer der großen silbernen Blumen, die überall auf der Wiese wuchsen. Die Eidechse versuchte danach noch einmal auf die Wiese zu gelangen, aber wieder schien irgendetwas sie zurückzustoßen, obwohl die Kette an ihrem Hals lang genug war. „Ob es vielleicht die Blumen sind, die sie stören?“, fragte sich Jonas. In der Aufregung hatte er gar nicht mehr auf den süßen Geruch der Blumen geachtet, der über dem ganzen kleinen Garten lag und der ihm vorhin schon aufgefallen war. Das ist es bestimmt, dachte er, es ist der Duft der Blumen, der Skeska zurückschrecken lässt.

Für den Augenblick war Jonas sicher. Er saß auf dem Baum und die Eidechse Skeska kauerte auf dem steinernen Platz und zischte zu ihm hoch. Nach einigen Minuten stapfte sie mit ihren schuppigen Beinen aber wieder zurück zum großen Torbogen, Jonas konnte hören, wie die silberne Kette an ihrem Hals dabei über den Boden schleifte. Beim Tor angekommen kauerte sich die Eidechse auf den Boden und blickte mit ihren Leuchtaugen zu Jonas. Sie schien zu warten. Was nun, fragte sich der Junge. Ob sie irgendwann einschläft? Es verging einige Zeit, ohne das etwas geschah. Nur der Mond stieg höher in den Himmel und leuchtete nun noch heller auf den Platz und die Mauer. Jonas auf seinem Baum war in Gedanken versunken. Er fragte sich, ob er schnell genug zu seinem Bett auf der Brücke rennen könnte, ohne das Skeska ihn erwischte? Denn irgendwie war er sich sicher, dass alles viel ungefährlicher wäre, wenn er in seinem Bett läge und die Decke über den Kopf ziehen könnte. Aber die Kette an Skeskas Hals, war sie lang genug, dass die Eidechse die Brücke und das Bett erreichen konnte?

Der Junge war so sehr mit Grübeln beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, dass nun auch Patiuscha die große Mauer und den steinernen Platz erreichte. Sie hatte einen sehr langen Weg hinter sich, um hierher zu kommen. Natürlich war sie sehr erstaunt gewesen, als sie am Ende der Brücke Jonas’ Bett vorgefunden hatte. Mit ihren scharfen Augen hatte sie Jonas von dort aus auf seinem Baum erspäht. Sie war überrascht, aber auch sehr erfreut ihn zu sehen, schließlich war das der freundliche Junge, der die schöne Brücke für sie gebaut hatte, mit der sie von der Insel des geheimnisvollen Turms entkommen war. Sie lief darum direkt auf ihn zu, lachte und rief: „Hallo Jonas, was machst du denn da? Schön, dass du jetzt eine normale Größe hast“, denn der Junge war nun tatsächlich genauso groß wie die kleine Drachenreiterin, genaugenommen war er sogar ein bisschen kleiner als sie. Jonas fuhr aus seinen Gedanken hoch, aber noch ehe er rufen und Patiuscha warnen konnte, war vom Torbogen schon ein lautes Zischen zu hören: Skeska hatte das Mädchen entdeckt.

Wie ein glitzernder Blitz sprang die große Eidechse auf und schoss auf Patiuscha zu. Doch die kleine Drachenreiterin hatte zum Glück wirklich sehr gute Augen, denn sofort erkannte sie die Gefahr. Sie stieß einen kurzen, schrillen Schrei vor Schreck aus, als sie die Eidechse auf sich zu kommen sah, dann rannte sie so schnell sie nur konnte über den Platz zu dem Garten und so schnell wie ein Wimpernschlag war sie zu Jonas auf den Baum geklettert. Keuchend ließ sie sich neben dem Jungen auf dem Ast nieder und schnaufte: „Jetzt ist mir klar, warum du auf dem Baum sitzt.“ Skeska war wieder nur bis zum Rand der Wiese gekommen und dann mit einem lauten Zischen stehen geblieben. Nun stapfte sie zur Mitte des Platzes, wo sie sich zusammen rollte und mit ihren Leuchtaugen zu Jonas und Patiuscha herüber glotzte. Wieder kam es dem Jungen vor, als ob die Eidechse wartete.

Schnell hatte Jonas Patiuscha alles erzählt, was geschehen war und er sagte ihr auch, dass er glaubte, dass es der Duft der silbernen Blumen wäre, der die Eidechse davon abhielt, den kleinen Garten zu betreten. „Ich glaube, die mag den Geruch der Blumen nicht“, sagte Jonas, „sonst wäre sie bestimmt längst hier hoch auf den Baum geklettert.“ Patiuscha hatte sich inzwischen von ihrem Schrecken erholt und hatte nun auch wieder genug Puste, um zornig zu werden. „Dieses verdammte Vieh!,“ schimpfte sie laut. „Da komme ich endlich an die große Mauer und sehe das steinerne Tor schon vor mir und nun muss ich hier auf diesem Baum hocken, weil eine zu groß geratene Eidechse hier herumläuft!“ „Ich glaube, dass das Skeska ist, von der das Walross gestern gesprochen hat“, meinte Jonas. „Bleib mit bloß weg mit diesem fiesen Gemeinrat“, fauchte Patiuscha, „an solche Personen sollte man gar nicht erst denken.“ Danach sagten sie beide für einige Minuten nichts mehr. Schließlich seufzte das Mädchen: „Aber ich muss doch zum Berg Simelon und einen Drachen fangen und dafür muss ich durch das Tor, nur wie?“ Ihr Ärger war anscheinend wieder verraucht. In diesem Augenblick fiel Jonas etwas ein. „Ich weiß, wie es vielleicht gehen könnte!“, rief er und war plötzlich ziemlich aufgeregt. Patiuscha sah ihn fragend an. „Die Blumen“, sagte Jonas, „die Eidechse kann sie nicht riechen“. „Na und“, sagte das Mädchen finster, „wir können den Garten schließlich nicht mitnehmen.“ „Den Garten nicht“, antwortete ihr Jonas, „aber die Blumen.“

Jonas erklärte Patiuscha seinen Plan und sofort sah sie ein, dass das die einzige Möglichkeit war – es war ein waghalsiger Plan. Behutsam stiegen die beiden Kinder von dem Baum herab, auf dem sie gesessen hatten. Skeska bekam dies natürlich sofort mit und hob neugierig ihren Eidechsenkopf. Mit ihren Leuchtaugen sah sie, dass die beiden Kinder nun auf der kleinen Wiese standen, der Schwanz der großen Eidechse zuckte aufgeregt hin und her. Was machten die Kinder denn da? Sie pflückten Blumen! Denn das war Jonas’ Plan, sowohl er als auch Patiuscha pflückten die silbernen, süß duftenden Blumen, die überall auf der Wiese wuchsen, bis er und die kleine Drachenreiterin jeder einen großen Strauß davon in der Hand hielten. Dann traten die Kinder aus dem Garten heraus auf den steinernen Platz, ihre Blumensträuße trugen sie dabei mutig mit ausgestreckten Armen vor sich her.

Skeska sprang auf, zischte und wollte auf die beiden los, doch dann blieb sie stehen, und als die Kinder auf sie zu kamen, wich sie zischend zurück. „Es funktioniert“, rief Jonas, „der Blumenduft hält sie weg!“ Schritt für Schritt liefen er und Patiuscha auf das steinerne Tor zu. Das ging ziemlich langsam, denn sie mussten dabei rückwärts laufen, um die wütend zischende Skeska mit den Blumen weiter auf Abstand zu halten. Schließlich hatten sie den Torbogen erreicht. „Was glaubst du, wie lang wird die Kette an ihrem Hals sein?“, fragte Patiuscha, denn sie konnten nun im Mondlicht sehen, dass das andere Ende von Skeskas Kette mit einem Ring an einem der beiden Pfeiler des Torbogens befestigt war. „Weiß nicht“, antwortete ihr Jonas, „wie werden einfach weiter laufen müssen, bis sie uns nicht mehr folgen kann“, denn die glitzernde Eidechse stapfte aufgeregt zischend hinter den beiden Kindern her, auch wenn sie wegen der Blumen natürlich nicht an sie heran konnte. Zum Glück war der Boden hinter dem Torbogen flach und mit Steinen gepflastert, so dass man gut darauf laufen konnte. Schließlich blieb Skeska stehen und Patiuscha und Jonas konnten sehen, dass die Kette an ihrem Hals nun ganz gespannt war. Die Eidechse konnte nicht weiter, die Kinder waren entkommen. „Wir haben’s geschafft!“, riefen Jonas und Patiuscha gleichzeitig und warfen vor Freude ihre Blumensträuße in die Luft. Skeska konnte nur wütend zischen und sie mit ihren Leuchtaugen anglotzen, denn die Kette an ihrem Hals machte es ihr unmöglich, den beiden Kindern weiter zu folgen.

Patiuscha und Jonas waren nun jenseits der großen Mauer, die hoch in den Himmel ragte. Da bemerkte Jonas, dass das Licht, das auf die große Mauer fiel, kein silbriges Mondlicht mehr war, es war nun ein viel helleres Licht und plötzlich fiel der erste Sonnenstrahl auf die Mauer. Der Junge und das Mädchen drehten sich beide um, denn von dort hinter ihnen kam das Sonnenlicht. Sie sahen ein weites, mit Gras bewachsenes flaches Land, durch das eine Straße führte, die am steinernen Tor ihren Anfang genommen hatte. Weit hinten am Horizont war ein goldener Streifen, dort ging die Sonne auf, und im ersten Licht der Morgensonne konnten sie ganz weit hinten im Grasland einen Berg sehen. Ein einziger Berg erhob sich dort und Patiuscha sagte mit leiser Stimme: „Das ist der Berg Simelon, endlich sehe ich ihn.“

Das Mädchen lief los und rief: „Komm Jonas, wir laufen noch ein Stück weiter“, aber der Junge blieb stehen und folgte ihr nicht. Jonas spürte plötzlich, dass er ungeheuer müde war. Ein Sonnenstrahl fiel direkt in sein Gesicht und blendete ihn und plötzlich hörte er eine Stimme, die seinen Namen rief. Es war nicht Patiuschas Stimme sondern die Stimme seiner Mutter. „Du musst alleine weiter Patiuscha“, sagte Jonas. „Ich glaube ich wache wieder auf.“ „Wie schade, aber vielen Dank für deine Hilfe“, hörte er die kleine Drachenreiterin noch sagen, dann fühlte Jonas dass er anfing zu fliegen. Patiuscha, das Grasland, der Berg Simelon, all das verschwand und der Junge sah von weit oben nur noch die Bauklötzchenbrücke und die große Mauer und dann sah er, wie Brücke und Mauer sich in ihrer Einzelteile auflösten, wie sie wieder zu einfachen Bauklötzchen wurden, die wild durcheinander wirbelten und dann wachte er auf. Die Sonne schien ihm ins Gesicht und er lag auf dem Boden seines Kinderzimmers. Um ihn herum waren lauter Bauklötzchen, die ganz durcheinander waren und seine Mutter kauerte über ihm, rüttelte an seiner Schulter und rief seinen Namen, ihre Stimme klang etwas besorgt. Als ihr Sohn die Augen aufschlug, lachte sie aber und sagte: „Du musst ja wild geträumt haben, du bist aus dem Bett gefallen und hast deine ganzen Bauklötzchen umgestoßen.“ Jonas setzte sich auf und sah sich um. Tatsächlich, die Mauer, die Brücke, alles was er gebaut hatte war umgestoßen und er saß mitten drin. Seine Mutter streckte ihre Hand aus und befühlte seine Stirn. „Die Sommergrippe scheint weg zu sein“, sagte sie. „Komm Jonas, ich mache dir ein Frühstück.“

Die Sommergrippe war tatsächlich weg, Jonas fühlte sich wieder gesund, nur ein bisschen Müde war er. Beim Frühstück erzählte er seiner Mutter alles, was in der letzten Nacht passiert war. „Was für Träume“, meinte sie zu seinem Abenteuer und schmierte ihm noch ein Butterbrot, denn Jonas hatte unglaublichen Hunger. Dann sprachen sie über andere Dinge, aber irgendwie glaubte der Junge, dass seine Erlebnisse mit Patiuscha keine Träume gewesen waren, es hatte sich alles so echt angefühlt. Schließlich schickte ihn Mama ins Badezimmer, damit er sich die Zähne putzte. Danach musste Jonas seinen Schlafanzug aus- und richtige Klamotten anziehen, denn nun war er ja nicht mehr krank. Anschließend befahl ihm seine Mutter, sein Zimmer aufzuräumen, „dass ist nun wirklich mal wieder nötig“, meinte sie.

Jonas tat natürlich was sie sagte. Brav räumte er die Bauklötzchen, die überall auf dem Boden lagen, zurück in die Kiste, in die sie gehörten. Er war gerade an der Wand seines Kinderzimmers angekommen, als er zwischen den umgestoßenen Bauklötzchen etwas glitzern sah. Der Junge ging mit dem Kopf näher heran und blickte genauer hin: Es waren drei winzig kleine, silberne Blumen, die auf dem hellblauen Kinderzimmer-Teppich lagen. Jonas nahm sie behutsam auf und legte sie in seine Hand. Ganz schwach konnte er den süßen Duft der Blumen riechen, es war also wirklich kein Traum gewesen. Kurz überlegte er, ob er die Blumen seiner Mutter zeigen sollte, aber dann entschied er, dass es schöner war sie geheim zu halten. Allenfalls seiner Freundin Rebecca wollt er vielleicht davon erzählen. Er ging zu seinem Regal, in dem die Kinderbücher waren, aus denen Mama oder Papa manchmal vorlasen. Im Kindergarten hatte die Betreuerin einmal erklärt, wie man Blumen trocknete, Jonas wusste darum, dass er die Blumen dafür einfach nur zwischen die Seiten eines Buchs legen musste. Er wählte dafür ein Märchenbuch aus, dass ihm sein Patenonkel einmal geschenkt hatte. Als er das Buch mit den Blumen zurück in das Regal stellte, dachte er an Patiuscha. Ich hoffe, sie findet ihren Drachen. Wenn sie ihn gefangen und gezähmt hat, lässt sie mich ja vielleicht auch einmal auf ihm reiten, das wäre bestimmt schön. Dann ging er nach draußen, um zu spielen, denn es war ein wunderschöner Junitag.

Ich hoffe, die Geschichte von den Abenteuern von Jonas und Patiuscha hat Dir gefallen. Die Idee dazu kam mir übrigens, als ich vor einigen Jahren meinem Patenkind einen Satz Bauklötzchen zu Weihnachten schenkte. Liebe Grüße, Pirandîl

Kommentare:

  1. Lieber Pirandîl,
    es nervt mich selbst schon, dass ich immer schreiben muss "Vielen Dank für deine aufmunternden Worte", aber so ist es nun mal, also: Vielen Dank für deine lieben, einfühlsamen und aufmunternden Worte.
    Du bist mir keineswegs zu nahe getreten - das "Alles egal" bezog sich nicht auf meine generelle Einstellung, sondern auf das Gefühl, was sich in mir einstellt, wenn mein Kopf so leer wird.
    Ich würde sehr gern ein bisschen was von deiner Erfahrung, die du angedeutet hast, hören - wenn du bereit bist, etwas davon zu teilen, kannst du mir einen Kommentar schicken, den ich nicht veröffentlichen werde, oder eine Mail - wenn nicht, dann verstehe und respektiere ich das selbstverständlich.
    Den zweiten und dritten Teil deiner Geschichte werde ich mir heute Abend in aller Ruhe zu Gemüte führen und dir dann noch ein Feedback dalassen.
    Liebe Grüße,
    Anna.

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  2. Danke, lieber Pirandîl, für dieses wunderbare Märchen. Es war so spannend, dass ich kaum aufhören konnte zu lesen. Auch hast du sprachlich einen für mich genau passenden "Märchenton" getroffen, es hat riesigen Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen! Hast du vor, noch ein bisschen weiterzuschreiben? Man wird so neugierig auf den Drachen...

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