Samstag, 23. Mai 2015

Sie liegen nackt im Garten

Ein Gemälde


Sie liegen nackt im Garten und halten einander im Arm. Schweißnass scheinen die Körper zu sein. Nichts regt sich, kein Muskel, kein Finger. Ihr Haupt ruht auf seiner Schulter. Ihre Brüste, die nicht mehr die eines Mädchens sind, schmiegen sich an seinen Körper. Ihr Gesicht ist selig und besorgt zugleich. Sein Gesicht schweigt, seltsam starr ist sein Mund.

Hinter den Liebenden und an der Seite des Gartens sind Rabatte mit Blumen zu sehen, lauter bunte Flecken. Es ist schwer zu sagen, welcher Art sie sind. Dahinter kommen Büsche und Bäume von grün-dunkler Farbe. Am Himmel drohen Wolken, gelblich gefärbt, was prophezeien sie? Links am Rand und zum Teil von Ästen und Blumen verborgen steht eine Statue, ein Lautenspieler mit Hörnern. Hat er auch Ziegenbeine?

Weiter vorne und nach rechts versetzt steht ein Tisch, goldenes Sonnenlicht fällt darauf. Es ist eine lange Tafel aus altem Holz, darauf liegt ein Schwert. Der mit Gold verzierte Griff berührt fast die linke Tischkante. Die Spitze der Klinge reicht beinahe bis zur Mitte der Tafel. Dort steht eine flache Schüssel aus weißem Porzellan. Darin liegt Obst, eine kleine Melone, Pfirsiche und eine Zitrone. Drei abgeschnittene Blumen liegen auf der Tafel vor der Schale. Es sind Schmuckkörbchen, die Blüten von leuchtendem Pink, doch sie verwelken bereits. Von einer der Blüten fast verborgen liegt da noch etwas auf dem alten Holz, rechts neben der Schale, etwas nach vorne versetzt: ein totes Rotkehlchen.

Kommentare:

  1. Oh, ein großartiges Stillleben! Wie ein Ölgemälde. Sehr schön beschrieben! Und der makabre Schluss hat natürlich viel Stil und macht dein Textstück zu etwas besonderem.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey Dezembra,

      über ein Lob freue ich mich immer, besonders wenn es von einer richtigen Autorin kommt.

      Vielen Dank und liebe Grüße,

      Pirandîl

      Löschen
  2. Beim Rotkehlchen musste ich fast weinen. Das macht das Ganze so unendlich traurig.
    Danke für dein Feedback, es freut mich, dass ich zumindest auf andere nicht wie ein Neurosenbündel wirke :-) Du hast Recht, die alten ???-Folgen sind besser als die neuen und "Der tanzende Teufel" ist sehr gut. Meine Lieblingsfolge hat auch etwas mit Luzifer zu tun: "Musik des Teufels", ebenfalls, weil ich mich da immer sehr gegruselt habe!
    Hab einen schönen Abend,
    Anna.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anna,

      ich werde Dir wie üblich in Deinem Blog antworten, hier schon einmal vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Liebe Grüße, Pirandîl

      Löschen
  3. Stein und Floete.. und so viel Magie zwischen den Seiten. Danke fuer das schoene Marmeladenglas das du in meinem Kopf geoeffnet hast.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Traumkirsche,

      ich danke Dir für dieses wunderschöne Bild. "Ein Marmeladeglas im Kopf", eine tolle Formulierung, ich werde sie mir merken.

      Es freut mich sehr, dass mein Text Dich berühren konnte, liebe Grüße,


      Pirandîl

      Löschen
  4. Lieber Pirandîl,
    leider gehört mein Vater zur Kategorie "Lebender Toter" - der Organismus mag noch arbeiten, in meinem Gedächtnis ist er aber lange schon tot. Und das macht mich einsamer, als sein physischer Weggang mich je hätte zurücklassen können.
    Deine Umarmung nehme ich gerne an und sende dir eine wieder.
    Anna.

    AntwortenLöschen
  5. Ein wunderbares Stilleben! Fast hör ich die Bienen und den Wind in den Blättern. Der Duft der Blüten und erhitzter Haut. Touche´. Eva

    AntwortenLöschen

Kommentare sind immer erwünscht, werden aber zur Sicherheit stets moderiert.