Sonntag, 22. März 2015

Das Märchen von Tain und dem verlorenen Garten: Zweite Abteilung

Hier präsentiere ich Euch den zweiten Teil des » Märchens von Tain und dem verlorenen Garten. Das Ende wird vielleicht etwas überraschen, ich werde am Schluss noch ein, zwei Worte dazu sagen.

Das Märchen von Tain und dem verlorenen Garten


Zweite Abteilung


„Verderben, Verwüstung, Tod! Auf der Kuppe des Trümmerhaufens kauerte der junge Tain, zusammengebrochen vor Enttäuschung und Müdigkeit. Im Licht der Dämmerung sah er, was die Mauer verborgen hatte. Der Steinwall war an vielen Stellen eingerissen, klaffende Wunden aus Trümmern und Schutt. Durch die Löcher in der Wand fiel das rote Abendlicht, doch da war kein Garten mehr, der das Sonnenlicht in Empfang nehmen konnte. Verdorrte Sträucher, Skeletten gleich, reckten ihre dürren toten Äste in die Dämmerung. Abgestorbene, vertrocknete Baum-Leichen ragten empor oder lagen umgestürzt auf dem Boden, der nichts weiter war, als trockener Staub und Sand. In dem Sand aber, Tain konnte es im letzten Licht des Tages noch sehen, lagen verstreut die bleichen Gerippe zahlreicher Vögel.

Es war Nacht, als Tain wieder erwachte. Er lag immer noch auf der Kuppe des Trümmerhaufens, wo er vor Erschöpfung eingeschlafen war. Ein heller Mond stand am Himmel und tausende Sterne funkelten in der Dunkelheit. Tain fror, darum setzte er sich auf und rieb sich die Arme und Beine. Auch im Mondlicht war der abgestorbene Garten vor ihm gut zu sehen. Was war nur geschehen?

Eine Weile saß er nur da und blickte in die vom Mondlicht beschienene Verwüstung. Fast wäre er wieder eingeschlafen, als er plötzlich von weit her einen Ruf hörte: Kiwu, Kiwu. ‚Der Vogel‘, flüsterte Tain zu sich selbst, ‚was wohl mit ihm ist?‘. Da erklang es erneut: Kiwu, Kiwu. Die Nacht war windstill, kein Laut war sonst zu hören. Tain konnte darum gut erkennen, aus welcher Richtung die Rufe kamen. Der Vogel war mitten drin, in dem zerstörten Garten. Da war es wieder zu hören: Kiwu, Kiwu. Zögerlich erhob sich der Wanderer von seinem Lager. Das Mondlicht war hell genug, um den Schutthaufen unbeschadet hinunter steigen zu können. Schließlich stand er zwischen toten Bäumen und verdorrten Büschen und lauschte auf die Rufe des Vogels.

Er setzte seine Schritte behutsam. Ohne zu wissen weshalb, war es ihm wichtig, nicht versehentlich auf eines des Vogelgerippe zu treten. So bahnte er sich im Mondlicht seinen Weg. Die Rufe des Vogels lockten ihn tief hinein in die verdorbene Stätte. Zwischen den toten Bäumen sah er vereinzelt und undeutlich im Schatten steinerne Bassins stehen, wie wohl einst Brunnen gewesen waren. Nun lagen sie trocken da und der Sand sammelte sich in ihnen. Schließlich stieß er auf einen von Steinsäulen umgebenen Platz. Die Vogel-Rufe waren nun ganz nah, hier musste er sein. Doch als der Wanderer zwischen den Säulen hindurch auf den Platz trat, vergaß er, weswegen er gekommen war. Denn in der Mitte des Platzes wuchs ein einzelner, dünner Baum und im Mondlicht war deutlich zu sehen, dass er Blätter und sogar eine Blüte trüg!

Verblüfft ging Tain auf den Baum zu. Er war tatsächlich am Leben und an einem seiner dünnen Äste hing eine große, weiße Blüte. Behutsam streckte der junge Wanderer seine Hand aus, um die Blüte zu berühren, als plötzlich eine Frauenstimme dicht bei ihm sagte: ‚Willkommen.‘

Hier endet das Märchen“, sagte der Dryad und schlug das Buch zu. „Aber wie ging es weiter?“ rief Thamûli aufgeregt, „das kann doch nicht das Ende sein!“ „Manche Geschichten haben kein Ende, sind nur Fragmente, nur in Stücken noch da.“, murmelte der Dryad. Sein Gesicht sah müde aus. Der alte Körper, der grotesk aus dem Stamm einer Eiche hervorragte, wirkte eingefallen, doch Thamûli bedrängte ihn weiter: „Die Geschichte muss aber ein Ende haben“, sagte er, „erzähle sie weiter, das kannst du doch so gut.“ Der Dryad legte das Buch weg und schloss trotzig die Augen. „Ich will schlafen“, knurrte er. „Bitte, erzähle mir, wie es weiter ging“, bettelte Thamûli nun. Er streckte seine Hand aus und streichelte zärtlich die Wange des Alten, Holz schabte auf Holz. „Bitte, erzähle mir, wie es weiter ging“, flüsterte er leise. Der Dryad ließ die Augen geschlossen, doch ein feines Lächeln umspielte seinen Mund. Ohne die Augen aufzuschlagen sagte er: „Es ist lange her, da kam ein Geschichtenerzähler hier vorbei. Der Erzählte auch das Märchen von Tain. Natürlich war seine Erzählung an vielen Stellen etwas anders, als die Geschichte im Buch, doch er wusste eben auch, wie es weiter ging.“ „Was hat er erzählt?“, fragte Thamûli leise. „Stell dir vor, wie Tain am nächsten Morgen erwacht“, begann der Dryad. „Der Wanderer spürt Sand unter sich und als er die Augen aufschlägt, blendet ihn Sonnenlicht. Was ist geschehen? Er schließt die Augen wieder, das Erinnern fällt ihm schwer. Da war der Platz mit den Säulen und da war eine Frau. Er kann sich nicht an ihr Gesicht erinnern, doch er weiß, sie war wunderschön. Er erinnert sich an ihre Berührung, an den schweren, berauschenden Duft ihrer Haut. Ein Wirbel von Bildern und Eindrücken zieht durch seinen Kopf. Da sind Arme die ihn umschlingen, die Wärme eines anderen Leibes, doch wie sah ihr Gesicht aus? Er weiß es nicht mehr. Mit einem Seufzer öffnet Tain die Augen und steht mühsam auf. Die Sonne ist schon mehr als eine Hand breit über dem Horizont. Er sieht sich um und begreift, dass er außerhalb der Mauer ist, die völlig unversehrt dasteht. Da sind keine Durchgänge mehr, keine Trümmerhaufen, kein Schutt. Der Steinwall ist intakt und Tain ist draußen. Doch hinter der Mauer, er hört es genau, singen Vögel und der süße Duft von Blumen umspielt seine Nase, ganz sacht, wie von weit her. Verwirrt schaut der junge Wanderer sich um, ob nicht doch irgendwo ein Durchgang in der Wand ist. Doch da ist keiner. Er kommt nicht hinein. Schließlich setzt er sich enttäuscht auf einen Stein und stützt seinen Kopf mit den Händen ab. Wie sah ihr Gesicht aus? Er erinnert sich nicht. Da bemerkt er plötzlich, das etwas um seinen Hals hängt. Eine silberne Kette ist es, daran hängt eine Glasphiole mit goldenem Verschluss. In der Glasphiole aber liegt ein einzelnes Samenkorn, nussbraun und von seltsamer Form.“

„Erzähl weiter“, flüsterte Thamûli, doch der Dryad schüttelte den Kopf: „Mehr kann ich dir auch nicht erzählen und nun geh, ich muss schlafen.“ Der Alte legte seinen Kopf in einer Astgabel ab und sofort war er eingeschlafen. Thamûli aber blieb noch lange bei dem Baum und dem schlafenden Dryad sitzen. Immer wieder ging er im Geist die Geschichte durch, während er sich selbst zärtlich den hölzernen Unterarm streichelte: Was aus dem Samenkorn wohl gewachsen ist?

Als ich das Märchen schrieb, wusste ich von Beginn an, wie es ausgehen sollte. Doch als ich das Ende dann niederschreiben wollte, passierte etwas. Eine andere Geschichte, dich ich schon seit langer Zeit in meinem Kopf mit mir herum trage, drängte sich nach vorne und wollte mit aufs Papier. Plötzlich kam es mir absolut selbstverständlich vor, dass das Märchen von Tain und dem Garten und die Geschichte um Thamûli zusammen gehören. „Thamûli und die Stadt der Kisten“, so lautet der Titel dieser zweiten Geschichte aus meinem Kopf. Sie will weiter erzählt werden. Ich hoffe, ich finde irgendwann die Zeit und die Kraft dazu.

Kommentare:

  1. Hallo Pirandil,
    stimmt das Ende des Märchens war ganz anders als erwartet, doch es wäre kein Märchen, wenn man nicht mit Unvorhergesehenem rechnen müsste.
    "Märchen, noch so wunderbar,
    Dichterkünste machen's wahr."
    Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832),

    Ich hoffe du nimmst es mir nicht übel, doch ich persönlich hätte nicht gewollt, dass du gleich zu Beginn von einem "Überraschendem Ende des Märchens schreibst, die Spannung, das langsame sich Antasten an eine unvermutete Wendung hat gegenüber des ersten Teils gefehlt, weil ich schon damit gerechnet habe. Doch ich bin schon sehr neugierig auf "Thamuli und die Stadt der Kisten"
    Entspannten Sonntag für dich.
    Lg Sadie

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    1. Hallo Sadie,

      auch für diesen Kommentar vielen Dank. Ich glaube Goethe ist hier in meinem Blog noch nicht zitiert worden.

      "Thamûli und die Stadt der Kisten", ich möchte diese Geschichte wirklich gerne erzählen. Irgendwie werde ich bestimmt einen Weg dahin finden.

      Auch Dir einen schönen Sonntag und liebe Grüße,


      Pirandîl

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  2. Lieber Pirandîl,
    auch den zweiten Teil deines Märchens habe ich mit großem Interesse verschlungen.
    Der Bruch zwischendrin hat mich trotz der Ankündigung verwirrt, aber dann fand ich es doch sehr passend. Ich wünsche dir viel Kraft und Mut, um die zweite Geschichte zu Papier bringen zu können!
    Einen schönen Abend und liebe Grüße, Anna.

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    1. Liebe Anna,

      dass der Bruch in der Geschichte Dich verwirrt hat, kann ich voll verstehen, doch umso mehr freut es mich, dass Du den Fortgang der Erzählung dann doch passend fandest.

      Danke für Deinen Wunsch. Es wird nicht einfach für mich werden, da die Geschichte um die "Stadt der Kisten" etwas länger sein wird, es werden wohl mehrere Kapitel werden (und nicht eines davon ist schon geschrieben). Dennoch will ich es versuchen.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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