Freitag, 20. März 2015

Das Märchen von Tain und dem verlorenen Garten: Erste Abteilung

Manchmal kann ich sehr genau sagen, welches Erlebnis, welches Gefühl, kurz welcher Impuls es war, der mich zu einer Geschichte oder einem Gedicht inspirierte. Bei dem „Märchen von Tain und dem verlorenen Garten“ war es ein Kommentar der Bloggerin Anna O.. Am 2. Februar schrieb Anna hier in meinem Blog: „Ich sende Dir einen großen Topf meines Glücks, zum Einpflanzen, Gedeihenlassen und Träumen.“ Dieser Satz löste bei mir eine Reihe von Assoziationen aus – am Ende wurde daraus schließlich ein Märchen. Den ersten Teil davon präsentiere ich Euch heute:

Das Märchen von Tain und dem verlorenen Garten


Erste Abteilung


„Es ist schon sehr lange her, da gab es weit entfernt von hier, noch hinter der Sonne und hinter dem Mond, einen großen Garten. Eine hohe Mauer umgab ihn, und kam ein Wanderer durch Zufall in diese Gegend, so hörte er hinter der Mauer das Gezwitscher von Vögeln und der Geruch von tausend Blumen schlug dem Reisenden entgegen. Die Wanderer, die an die Mauer kamen, suchten nach einem Durchgang, um den wunderbaren Garten zu sehen, der dahinter liegen musste. Doch so sehr sie sich auch anstrengten, keiner fand jemals das Tor. Die Jahre vergingen und in den Wirtshäusern und Tavernen erzählten sich die Menschen die wunderbarsten Geschichten von dem geheimnisvollen Garten, der irgendwo in der Wildnis hinter unüberwindlichen Mauern lag. Doch keiner von jenen, die so phantastisch darüber zu berichten wussten, hatte jemals einen Blick hinter die Mauer geworfen.

So hörte auch der junge Tain auf seiner Wanderung die Geschichten von dem Zaubergarten, von dem es hieß, dass dort Vögel auf gläsernen Bäumen sängen. Der Kopf des jungen Mannes war voller Träume und er wünschte sich sehr, den wunderbaren Garten zu sehen. Als er sich an diesem Abend müde von Wein und Rauschkraut in dem Wirtshaus auf sein Lager legte, da schickte er ein stummes Gebet an die Götter des Traumes und der Nacht, sie mögen seine Schritte zu dem Garten der Wunder lenken.

Am folgenden Tag setzte Tain seine Reise fort. Der Weg führte ihn nun direkt in die Wildnis und er war voller Erwartung, denn er wusste, dass es dieser Abschnitt der Reiseroute war, auf dem die Wanderer die mysteriösen Mauern des Gartens erblickten. Doch es war nur wenigen Männern vergönnt gewesen, die Mauern wirklich zu sehen. Viele berichteten nur von weit entfernten Klängen, die an den Gesang von Vögeln erinnerten, oder von einem zarten Hauch von Blumenduft inmitten der Einöde, ohne dass sie je auch nur einen Blick auf die Mauern des Gartens geworfen hätten.

Drei Tage und drei Nächte wanderte Tain durch die Wildnis. Der Weg war schlecht und die Gegend wurde mehr und mehr einer Wüste gleich. Steile Felsenklippen ragten empor und dürre Flechten und Moose waren die einzigen Gewächse, die hier zu gedeihen schienen. Schon seit zwei Tagen hatte er keine Tiere und auch keine Vögel gesehen, darum blieb Tain abrupt stehen, als er am dritten Tag bei einem kleinen Rinnsal, das zwischen zwei Klippen hervor floss, einen prächtigen Vogel sitzen sah: Die Federn des Vogels waren aus schierem Gold und glitzerten im Sonnenlicht!

Sofort kehrten Tains Gedanken zu dem wunderbaren Garten zurück, von dem es doch in allen Erzählungen und Geschichten stets hieß, dass er die Heimat zahlreicher Vögel sei. Minuten vergingen, in denen Tain nur da stand und den Vogel beobachtete, wie er aus dem Rinnsal Wasser trank. Plötzlich aber stieß der Vogel einen lauten, hell klingenden Ruf aus – Kiwu, Kiwu –, breitete seine goldenen Schwingen aus, erhob sich in die Luft und flog zwischen den schroffen Felsen hindurch davon.

‚Warte!‘, rief Tain, der wie verzaubert von dem Anblick des goldenen Vogels gewesen war, ‚warte doch auf mich!‘. Ohne auch nur einen Moment zu überlegen, verließ er den Wanderpfad und folgte dem Vogel. Er stieg über Felsen und sprang über Abgründe und Spalten, die sich zwischen den Klippen auftaten. Immer weiter und weiter lief und kletterte er dem Vogel hinterher, der als goldglitzernder Punkt am Himmel zu sehen war. Manchmal aber hielt der Vogel in seinem Flug inne. Dann landete er auf einem Felsvorsprung und fast schien es so, als würde er auf Tain warten. Doch ehe der junge Wanderer den Goldvogel eingeholt hatte, rief dieser erneut sein Kiwu, Kiwu und erhob sich in die Luft.

Mit der Zeit merkte Tain, dass es kein unwegsames Gelände war, durch das ihn der Vogel führte. Er folgte einem schmalen Pfad, der sich zwischen den Felsen hindurch wand. Immer wieder verschwand der Weg und Tain musste ihn zwischen Klippen und dürren, verkümmerten Sträuchern suchen. Hätte ihm nicht der Vogel immer wieder die Richtung gewiesen, Tain hätte schnell jede Orientierung verloren. So aber folgte er den ganzen Tag lang dem versteckten Pfad, immer begleitet von den Rufen des Vogels. Als der Abend schon zu dämmern begann, wurden die Felsen kleiner und die Klippen weniger steil. Schließlich öffnete sich das Land vor ihm zu einer weiten öden Ebene. Doch inmitten der Ödnis sah der junge Wanderer eine hohe steinerne Mauer stehen, und der Goldvogel flog im Abendlicht glitzernd direkt darauf zu: Kiwu, Kiwu.

Nun kannte Tain kein Halten mehr. Die Erschöpfung der langen Wanderung, sie war wie weggeblasen. Er lief durch die Ebene, nicht darauf achtend, wie trocken und dürr das Land um ihn herum war. Er sah nicht die Staubwolken, die seine Schritte aufwühlten, nicht die blutrote Sonne, die drohend hinter dem Horizont versank. Er dachte nur an den Garten der Wunder, das musste er sein! Näher und näher kam er der Mauer und im roten Licht der Abendsonne sah er nun deutlich: da war ein Durchgang in der Wand! In Trümmern lag hier die Mauer, doch das sah Tain nicht. Er bemerkte auch nicht, wie still es hier war. Er sah nur die Möglichkeit, hinter die Mauer zu gelangen. In gieriger Eile erklomm er den Schutthaufen. Noch diesen Stein musste er überwinden, noch diesen und dann noch diesen, dann wäre er da. Endlich hatte er die Spitze des Trümmerhaufens erreicht und im roten Licht der erlöschenden Sonne sah er, was hinter der Mauer lag.“

» Den zweiten Teil des Märchens werde ich am Sonntag hier in meinem Blog veröffentlichen.

Kommentare:

  1. Hallo Pirandil,
    Ich freue mich auf den 2ten Teil. Die Geschichte ist sehr gut erzählt, man hat nie das Gefühl es wäre langatmig, sondern glaubt bei jedem Stein, bei jeder Kurve, bei jedem Waldstück: "Jetzt bin ich endlich am Ziel" Der Goldvogel macht es geheimnisvoll, ja geradezu mystisch.
    Lg und bis Sonntag.
    Sadie

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    1. Hallo Sadie und vielen Dank,

      es freut mich sehr, dass der Text Dir gefallen hat, noch mehr freut mich aber, dass er bei Dir Appetit auf den zweiten Teil geweckt hat. Nun bin ich sehr gespannt, ob auch der zweite Teil Dir gefallen wird. Ich kann hier schon verraten, dass das Ende des Märchens eine Überraschung parat hält.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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  2. Ich bin ja eigentlich ein stiller Leser deines Blogs geworden, aber nachdem ich bei einer Tasse Tee nun gelesen habe, kann ich nur sagen, dass ich mich auf den zweiten Teil freue und gespannt bin, weil ich nicht drum herum komme Gedanken zu spinnen, wie es weitergeht.

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    1. Hallo Lascida,

      ob still oder sprechend, jeder Leser ist in meinem Blog willkommen und es freut mich, dass Du Dich zu Wort meldest – herzlich willkommen.

      Dass der Text Deine Phantasie anregt, freut mich sehr, ich hoffe, die Fortsetzung kann Deinen Erwartungen entsprechen.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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  3. Lieber Pirandîl,
    es freut mich sehr, dass ein Kommentar von mir dich zu einem so schönen Text anregen konnte! Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit uns hier teilst. Die sehr intensive und märchenhafte Sprache, die du nutzt, hat viele detailreiche Bilder vor meinem inneren Auge entstehen lassen. Nun erwarte ich voller Spannung den zweiten Teil und freue mich auf morgen!
    Danke für deine guten Wünsche und Ratschläge, ich werde sie mir zu Herzen nehmen - auch bezüglich der Zahlen.
    Liebe Grüße, Anna.

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