Sonntag, 8. März 2015

Auf Umwegen geht unser Leben…

Am Abend des 23. Februar hat die Bloggerin » Anna O. mir in einem Kommentar die folgenden Fragen gestellt: „Ich würde sehr gerne mehr über deine berufliche Laufbahn erfahren, wenn du etwas davon preisgeben magst. Wie bist du denn zum Kochen gekommen und wie zum Journalismus? Bereust du es manchmal, nicht den ganz geraden Weg genommen zu haben oder siehst du darin eher einen Vorteil?“

Liebe Anna,

ich will Deine Fragen gerne beantworten. An den Anfang stelle ich ein Gedicht. Es ist schon einige Jahre alt, aber seine Aussage passt wunderbar zu diesem Thema:

Erzwungener Halt


Die Schienen sind krumm und nicht gerade,
die Fahrt endet hier, nur die Fahrt.
Verbogene Gleise zu fernem Gestade,
das Ziel war kein Traum – neue Kraft, neuer Start?
Auf Umwegen geht unser Leben…

Die Schienen sind krumm und nicht gerade…
© Pirandîl
Auf Umwegen ist auch mein bisheriges Leben verlaufen, denn wie Du schon richtig beobachtet hast, ich habe nicht den geraden Weg gewählt. Tatsächlich ist es wohl ein Wesensmerkmal von mir, dass ich vom Leben oft auch getrieben und bewegt wurde, ohne dass ich selbst klar und deutlich die Richtung bestimmt hätte.

Nach dem Abitur habe ich angefangen in Frankfurt zu studieren. Doch ich hatte keinerlei klare Vorstellung, was aus mir später einmal werden sollte. Die Studienfächer Germanistik und Soziologie habe ich jedenfalls nicht gewählt, weil ich dabei ein bestimmtes Ziel vor Augen hatte, es waren einfach die Fächer, die mich am meisten interessierten.

Die Familie, aus der ich komme, ist finanziell sehr schlecht gestellt, auch Schulden spielten lange ein Rolle. Aus diesem Grund habe ich schon nach wenigen Semestern kein Bafög mehr beantragt, da die Vorstellung, hochverschuldet aus der Universität heraus zu kommen, mir zuwider war. Also fing ich an, neben dem Studium zu arbeiten. Das war damals noch sehr viel einfacher als heute, denn als ich studierte war das Universitätsstudium noch ganz anders gestaltet. Es gab weder Bachelor- noch Master-Abschluss und insgesamt herrschte ein ziemlicher Schlendrian. Ein Freund fing zur selben Zeit eine Lehre als Hotelfachmann an. Er vermittelte mir dann schließlich, nachdem ich einige andere Jobs ausprobiert hatte, eine Stelle als Küchenhilfe in einem kleinen Hotel in Offenbach (die Stadt unmittelbar neben Frankfurt). Wie sich herausstellte, war mit „Küchenhilfe“ sehr viel mehr gemeint, als nur Teller waschen, denn das ganze Küchenpersonal bestand neben mir nur noch aus einem weiteren Mann, dem Küchenchef. Ich muss zum Hintergrund hinzufügen, dass ich damals schon einiges über das Kochen wusste, da mein Vater, ein leidenschaftlicher Hobbykoch, mir sehr viel beigebracht hatte. Durch die Arbeit als Küchenhilfe lernte ich nun auch die Abläufe in einer Gastronomie-Küche kennen.

Ich könnte über die Zeit in diesem Hotel sehr viel erzählen. Vielleicht mache ich das irgendwann auch noch einmal, denn ich habe dort einiges erlebt, gutes und schlechtes. Auch was das Thema „Alkohol“ betrifft, habe ich dort einige Erfahrungen gesammelt – und auch das ist eine eigene Geschichte. An dieser Stelle reicht es zu sagen, dass das Hotel schließlich in die Insolvenz ging und ich meine Stelle als Küchenhilfe verlor. Ich war allerdings nicht lange „Student ohne Nebenjob“, auch wenn ich nicht sehr zielstrebig nach einer neuen Stelle suchte. Tatsächlich ist es wohl richtiger zu sagen, der neue Job fand mich.

Wieder spielte ein Freund eine Rolle. Er feierte seinen Abschied, da er zum Studieren nach Wales ging. Aus diesem Grund saßen wir schließlich spät am Abend zu fünft oder zu sechst in einer Bistro-Bar in Offenbach und waren sturzbetrunken. In der Gruppe war auch ein bärtiger, tätowierter Mann, der sich als der Küchenchef des Bistros herausstellte. Der Bärtige, sein Name ist Eric, sagte mir schließlich, dass Leute für die Küche gesucht wurden. Ich sagte ihm ich könne kochen und die Erinnerung an diesen Abend bricht damit ab, dass Eric mir noch sagte, ich solle am nächsten Sonntag kommen und zur Probe in der Küche arbeiten. Die Erinnerung setzt damit wieder ein, dass ich irgendwo in Offenbach auf einem Bürgersteig aufwache. Den Job habe ich trotzdem bekommen.

So wurde ich Koch in der Brasserie Beau d'eau in Offenbach am Main. Ich blieb es mehrere Jahre lang. Ich habe dort vieles erlebt und rückblickend muss ich sagen, dass die Arbeit als Koch mich als Person genauso geprägt hat, wie das Studieren an der Universität. Tatsächlich kam es manchmal vor, das ich auf die Frage, was ich beruflich mache, zur Antwort gab „ich bin Koch“, nicht „ich bin Student“.

Student war ich aber trotzdem noch, und zwar die ganze Zeit über. Ich besuchte weiterhin Seminare an der Uni. Ich schrieb auch Hausarbeiten und hielt Referate, wenn auch nicht in dem Umfang, wie es für Studenten eigentlich vorgesehen war. Man könnte sagen, ich war Teilzeitstudent, aber das waren damals viele.

Dies ist in aller Kürze die Geschichte, wie ich Koch wurde. Eine offizielle Ausbildung in diesem Beruf habe ich nie genossen, auch das scheint eine Konstante in meinem Leben zu sein, denn mit meinem Werdegang als Journalist sah es ähnlich aus.

Ich war 25, als ich Anfing, mir über die Zukunft Gedanken zu machen. Ich leugne nicht, dass ich dabei auch mit dem Gedanken spielte, das Studium hinzuschmeißen und nur noch Koch zu sein. Letztendlich habe ich mich aber dagegen entschieden – und bis heute habe ich das nicht bereut. Eine Freundin, die ich noch aus der Schule kannte, vermittelte mir damals eine Stelle als Theaterkritiker für ein Online-Portal, dass sich auf Freizeit- und Kultur-Tipps für das Rhein-Main-Gebiet spezialisiert hatte. Es gab für die Theaterkritiken zwar kein Geld, aber dafür eine Veröffentlichung mit Namen. So kam ich mit dem Journalismus in Berührung.

Vom ehrenamtlichen Theaterkritiker wurde ich schließlich zum bezahlten (wenn auch schlecht bezahlten) Theaterredakteur der Website. Es folgte eine Entwicklung, bei der ich meine Tätigkeit als Koch mehr und mehr reduzierte und meine Arbeit in der Redaktion mehr und mehr ausweitete. In dieser Zeit legte ich (nach vielen Jahren als Bummelstudent) auch die Magister-Prüfung an der Universität ab. Schließlich war ich kein Student und auch kein Koch mehr, sondern Journalist. Doch genauso wie ich Koch ohne Ausbildung war, bin ich nun auch Journalist ohne Ausbildung. Ein Volontariat habe ich nie absolviert. Für gerade Wege scheint in meinem Leben nicht wirklich Platz zu sein. Vielleicht suche ich aber auch unbewusst nach den krummen Wegen. Ich finde, sie haben durchaus ihren Reiz.

Heute bin ich Online-Redakteur bei einer Frankfurter Tageszeitung, doch aktuelle scheint mein Leben wieder in einer Phase zu sein, in der sich Veränderungen andeuten. Wohin sich das Ganze entwickeln wird, kann ich nicht sagen. Vielleicht bleibt auch alles beim Alten, doch das glaube ich nicht. Das Schöne an den krummen Wegen ist, dass sie so viele Windungen haben…

Dies, liebe Anna, ist meine Antwort auf Deine Fragen und wie Du siehst, bereue ich es nicht, über Umwege gegangen zu sein – oder um meine Nichte (10 Jahre alt) zu zitieren: „So ist das Leben eben“.

Liebe Grüße, Pirandîl

Kommentare:

  1. Lieber Pirandîl,
    wow, vielen Dank für diese ausführliche Antwort, ich habe sie mit Interesse und Spannung gelesen. Es klingt, als habest du eine Menge erlebt, und als sei dir der nicht ganz gerade Weg letzten Endes gut bekommen :) Auch gefällt mir, dass du dich mit dem Status Quo nicht automatisch zufrieden zu geben scheinst, sondern Dinge anpackst, die dir nicht gefallen (was man bei Menschen, deren beruflicher Weg ganz gerade verlaufen ist, ja nicht so häufig findet...)
    Berichte doch bald auch von deinem Kurs heute, wenn du magst, da bin ich ebenfalls neugierig :)
    Liebe Grüße und einen schönen, entspannten Sonntag abend wünsche ich dir, Anna.

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    1. Liebe Anna,

      es stimmt tatsächlich, ich bin sehr zufrieden damit, verschiedene Welten kennen gelernt zu haben. Manchmal sehne ich mich sogar ein wenig nach der Welt des "Kochs" zurück, da sie einfacher und überschaubarer war, aber das kann auch die Verklärung der Vergangenheit sein, wer weiß?

      Ich werde in jedem Fall davon berichten, wenn mein Weg wieder einen krummen Schlenker macht. Dir wünsche ich, dass Du mit Deinen angestrebten Veränderungen gut voran kommst und solltest Du Rückschläge erleiden, lass Dich davon nicht entmutigen. Denn die Richtung Deines Weges stimmt.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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  2. Eine sehr schöne Erklärung - die auch den Menschen, die dich ausschließlich aus dem Berufsleben kennen wie ich, einen Einblick in dein Leben und dein Werden gibt. Denkst du denn jetzt, da sich Veränderung abzeichnet, doch wieder daran, Koch zu werden? Ich habe Respekt vor deinen ungeraden Wegen, wenn ich auch selbst (fast) immer die geraden Wege genommen und dabei bestimmt so einiges verpasst habe. Vielleicht magst du ja irgendwann das eine oder das andere doch noch durch eine Ausbildung untermauern? Ich dachte immer, ich wäre eine ausgewachsene Journalistin, bis ich im Volontariat richtig leiden und buckeln musste. Seitdem weiß ich, dass Ausbildung doch ihren Sinn hat. Ich wünsche dir nur das Beste, du hast es verdient - du bist ein zäher Bursche, dem es gelingt, aus den Zitronen des Lebens Limonade zu machen. :)

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    1. Hey Dezembra,

      den Koch in mir habe ich nie vollständig abgelegt, das möchte ich auch gar nicht, denn er ist ein wichtiger Teil von mir. Zudem ist er eine Art Versicherung, sollten alle Stricke reißen, sehe ich den Koch als Notlösung an, aber auch erst dann. Was das Thema Ausbildung betrifft, wenn es sich ergeben sollte, warum nicht, aber ich suche nicht gezielt danach. Wie schon gesagt, ich neige zu den krummen Wegen…

      Liebe Grüße, Pirandîl

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  3. Crossroads, lieber Pirandîl... Sie sind das, was unser Leben spannend macht. Immer wieder steht man an den Crossroads und muß sich für eine Richtung entscheiden. Wer immer geradeaus geht, kommt möglicherweise schneller an (irgendein) Ziel, verpasst dafür aber auch unglaublich viel. Es sind die gewundenen Wege, die uns zu den Menschen machen, die wir sind, weil sie uns mit so vielen neuen und oft ungewöhnlichen Erfahrungen formen und prägen.
    Liebe Grüße von Felina, die Sehr gespannt ist, in welche Richtung es Dich an den nächsten Crossroads zieht.

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    1. Hey Felina,

      auch ich bin sehr gespannt, es sind die Veränderungen, die das Leben interessant machen. Dass Du das genauso siehst, wundert mich nicht. Ich bin auch sehr gespannt, welche Veränderungen bei Dir anstehen, weiß ich doch von dem Projekt, an dem Du arbeitest.

      Ich wünsche Dir alles Gute, in dieser wie auch in jeder anderen Hinsicht, mögen die kommenden Crossroads uns ein schönes Wegstück bescheren.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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  4. Antworten
    1. Hallo Petra,

      herzlich willkommen, ich freue mich immer über neue Leserinnen und Leser. Vielen Dank für Deinen Kommentar und das Lob.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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