Freitag, 13. Februar 2015

Aus dem Bestand: Im Kasten

In meiner Kurzgeschichte „Im Kasten“ ist zwar ein Kind die Hauptfigur, doch es ist definitiv keine Kindergeschichte. Der Text ist natürlich reine Fiktion, doch es sind auch ein paar persönliche Erinnerungen in die Geschichte eingeflossen.

Im Kasten


Grüner Filzstift, das Gras, roter Filzstift, ein Viereck, blauer Filzstift, ein Männchen im Kasten, nun war es ruhig. Sie schrieen nicht mehr. Nur für kurz, das wusste er. Schritte im Flur, das war Maren, die Tür knallte. Mamas Stimme, leise, irgendwo in der Wohnung, Papas Stimme, laut, tief, wütend, Schritte im Flur, Papa riss Marens Tür auf, Geschrei. Kaspar fühlte die Worte mehr, als dass er sie hörte. Sie galten nicht ihm, aber sie waren trotzdem wie Schläge. Wie Fausthiebe auf dem Schulhof, blauer Filzstift, man fühlt, wie man getroffen wird, blauer Filzstift, man will weg und kann es nicht, blauer Filzstift, man kriecht in sich hinein, blauer Filzstift, dann tut es weniger weh – er legte den Stift wieder weg. Kaspar wollte nicht mehr malen. Sie schrieen noch immer. Marens Kreischen und Weinen vermischte sich mit Papas Brüllen, Mama war gar nicht zu hören. Dann wieder Schritte im Flur, das Schreien kam näher, ging an seinem Zimmer vorbei, das Schreien schwoll an, die Wohnungstür knallte: Stille.

Das Foto wurde nur in sehr geringem Maß
von mir manipuliert. Diese Skulptur gibt
es wirklich, sie steht im Wetterpark
in meiner Geburtsstadt Offenbach.
Die Wiese im Park war nicht einfach zu finden. Sie war ganz am Rand, und die Hecken standen so dicht bei einander, dass man schnell daran vorbei lief. Ein paar Bäume wuchsen hier und weiter hinten ging der Park in den Stadtwald über. Hier konnte man herrlich allein sein. Kaspar blieb stehen und schloss die Augen. Wie ein Echo hallte das Schreien immer noch in dem Jungen nach. Er riss die Augen wieder auf und dann sah er ihn. So wie immer war er einfach plötzlich da. Ein großes Viereck, ein Würfel aus hellen Stangen, aber ohne Wände, der dicht über dem Boden schwebte. Die Nachmittagssonne fiel durch die Blätter der Bäume. Kaspar sah sich noch einmal um, niemand war da, dann schlüpfte er durch die Stangen. Hier ist es gut. Die Stangen senkten sich, drückten das Gras nieder, kamen zum stehen: Der Junge war im Kasten.

Nachdem seine große Schwester die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen hatte und gegangen war, hatte Kaspar noch einen Moment gewartet, schweigend, die ganze Wohnung hatte nun geschwiegen. Dann war auch er aus seinem Zimmer gekommen. Mama und Papa hatten sich am Esstisch gegenüber gesessen. Kaspar war leise zu den Schuhen bei der Garderobe gegangen. Er kannte diese Momente nach dem Schreien inzwischen sehr gut. Er wusste darum, dass es das Beste war, so wenig wie möglich zu sagen. Schweigend hatte er sich seine Schuhe angezogen. Dann hatte er nach der Jacke gegriffen und halb zu seinen Eltern umgedreht hatte er schließlich gesagt: „Ich gehe in den Park, darf ich?“ Nur Mama hatte reagiert und genickt. Dann war Kaspar gegangen. Das Treppenhaus hinunter, aus dem Haus, die Straße entlang, er war wie mechanisch gelaufen. Nach etwa zehnt Minuten hatte er den Park erreicht.

Der Junge saß im Inneren des Kastens und dachte an zuhause: Wann hat es angefangen? Ich weiß nicht, Papa und Maren schreien so oft. Dann dachte er eine ganze Weile lang gar nichts mehr. Irgendwann zog er den Reißverschluss seiner Jacke zu, denn es wurde kühler. Die Schatten der Bäume und Hecken wurde immer länger, bald lag der Kasten im Schatten. Kaspar warf unwillig einen Blick auf seine Armbanduhr: Schon kurz vor halb sechs. Er seufzte leise, er musste los, Abendessen. Er wollte wieder durch die Stangen schlüpfen, da merkte er, dass etwas nicht stimmte. Es war nicht wie sonst, er kam nicht heraus! Zwischen den Stangen war nur Luft, aber er kam nicht durch. Es war wie eine unsichtbare Mauer. Er probierte es an allen vier Seiten, kein Durchkommen. Er versuchte es auch oben, denn der Kasten war nicht sehr hoch, aber auch dort kam er nicht durch. Er war gefangen! Der Junge rief um Hilfe. Erst zögerlich, dann lauter, dann sehr laut, niemand kam. Er schlug gegen die unsichtbaren Wände, aber nichts passierte, nur seine Hand tat ihm weh. Schließlich sprang er sogar gegen eine Wand, doch es half nichts. Er sah wieder auf seine Uhr, inzwischen war es schon zehn vor sechs. Ich muss doch nachhause! Am Ende hielt er es nicht mehr aus und weinte. Er wollte nachhause und es sollte so sein wie früher, ohne Schreien, ohne Türenknallen.

Er weinte noch immer, als er plötzlich eine Stimme hinter sich hörte: „Kaspar, was hast du denn?“ Es war Maren. Der Junge drehte sich um, seine große Schwester stand dicht bei ihm, direkt vor dem Kasten. Ihr Gesicht war blass und ihre Augen waren ganz rot. Kaspar wollte etwas sagen, aber er konnte nur schluchzen. Da beugte sich das Mädchen zu ihm herunter, durch die Wand des Kastens hindurch, und nahm ihn in den Arm: „Komm, wir gehen nachhause.“

Die Geschichte ist eigentlich Teil meines E-Books „Graustufen“. Ich habe mich für ein weiteres Stück aus dem Bestand entschieden, da der Text, an dem ich zurzeit schreibe, noch nicht fertig ist. Ich kann Euch hier aber schon verraten, das er ganz anders sein wird, als diese Kurzgeschichte. Ich schreibe an einem Märchen.

Liebe Grüße,


Pirandîl

1 Kommentar:

  1. Lieber Pirandîl,
    es freut mich wirklich sehr, dass du diese Kurzgeschichte mit uns geteilt hast, vielen Dank dafür. Schon wieder beschäftigen uns offenbar ganz ähnliche Themen.
    Kennst du das Buch "Die Wand" von Marlen Haushofer (ich glaube, es wird gerade verfilmt)? Daran musste ich beim Lesen deiner Geschichte denken...
    Ich hoffe, dass du dich aktuell nicht mehr so gefangen fühlst.
    Liebe Grüße an dich,
    Anna.

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