Samstag, 24. Januar 2015

Hermann Hesse, das Rasiermesser und die Bahngleise im Kopf

Es ist ein seltsames Zusammenspiel. Ich habe diesen Post am Freitag geschrieben. Bevor ich ihn nun in der Nacht von Freitag auf Samstag online schaltete, habe ich in einem anderen Blog den Post einer jungen Frau gelesen, die tatsächlich einen – zum Glück erfolglosen – Suizid-Versuch unternommen hat. Der Schreck darüber, die Sorge um die Bloggerin, all das ist nun in mir. Ich habe kurz überlegt, ob ich meinen Blog-Eintrag besser nicht online stellen soll, ich habe mich dann aber doch dafür entschieden, den Post zu veröffentlichen. Lest ihn bitte genau. Ich externalisiere darin Gedanken und verwende bewusst einen literarisierenden Stil, auch um die Gedanken für mich beherrschbar zu machen – und ich mache eine sehr eindeutige Feststellung.


Hermann Hesse, das Rasiermesser 

und die Bahngleise im Kopf


Im "Steppenwolf" lässt Hermann Hesse die Figur Harry Haller an das Rasiermesser denken. Bei mir sind es die Bahngleise, die im Gehirnkasten lauern.

Es war in der U-Bahnstation am Frankfurter Hauptbahnhof, als die Idee zum ersten Mal über mich kam. Ich stand nahe bei den Gleisen und wartete auf den Zug. Vom Bahnsteig aus fiel mein Blick auf die Schienen. Ich war müde, erschöpft, mein Kopf war leer, und plötzlich war die Vorstellung da. Wie es wohl wäre, nicht hier oben, in scheinbarer Sicherheit, sondern weiter unten, auf den Gleisen zu stehen? Was es für ein Erleben wäre, von dort in das Dunkel des U-Bahnschachts zu schauen. Wie es wäre, das ferne Aufleuchten der Lichter zu sehen, die rasch, immer rascher, immer näher und näher, immer wirklicher und mächtiger leuchten und dann der finale, der alles beendende Lebensrausch, wenn der Zug zur unendlich hohen, unendlich breiten, unendlich nahen Wand anschwillt.

Bahnschienen in Frankfurt am Main.
© Pirandîl
Seitdem haben Bahngleise für mich ihre Unschuld verloren. Wenn die Kraft in mir zusammenfällt und die Erschöpfung ihr Haupt erhebt, dann sind sie da – als eine Idee, als eine Möglichkeit. Es ist nicht so, dass ich vorhätte, mich umzubringen. Ich bin kein Selbstmörder. Es ist nur ein Gedankenspiel, so schwarz und so böse, wie die Welt eben ist.

Vor einigen Tagen musste ich dann plötzlich an Harry Haller und den "Steppenwolf" denken. Es ist sehr lange her, dass ich den Roman gelesen habe, ich war damals 15 oder 16 Jahre alt. Das Rasiermesser des Harry Haller und die Bahnschienen in meinem Kopf haben einiges gemeinsam.

Ich habe nun zwei Wochen frei. Ich werde viel schlafen, aber ich will auch versuchen, ein Buch zu lesen. Wenn ich mich richtig erinnere, hat "Der Steppenwolf" ein versöhnliches Ende…

Kommentare:

  1. So traurig wie es mit dem Suizid einmal spielt, nicht selten plagen mich die gleichen Gedanken. Erst vor zwei Wochen hat eine weitere Bloggerin sich erfolgreich das Leben genommen, und jetzt hier lese ich es erneut... Erschreckend und erbebend. Pauschale Antworten habe ich schon, den einen oder anderen Spruch - doch was nützen die am Ende? Wahrlich die Welt ist schwarz und böse, doch kann sie auch das Gegenteilige sein. Sie kann voller Gelächter sein, voller Freude und Herrlichkeit. Heißt es nicht auch, wer die Dunkelheit nicht kennt, weiß sie nicht vom Licht zu unterscheiden? Aufgeben wäre zu früh. Es gibt so viel zu erblicken, auch wenn die Grausamkeit der Welt einen oft den Blick vernebelt.

    Eine erholsame freie Zeit wünsche ich dir. =) Mache es dir mit dem Buch gemütlich!

    Liebe Grüße
    Emaschi

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  2. Das Thema ist für mich aus anderen Gründen sehr emotional besetzt, nicht etwa, weil ich selbst solche Gedanken hatte, sondern weil ich um das Leben eines Menschen fürchten musste, der mir sehr nahestand. Er war in Not, er war wirklich in Not, daran bestand überhaupt kein Zweifel. Und doch habe ich seine Äußerungen damals auch (!) als aggressiven Akt und als Machtmittel erlebt. Vielleicht war es die einzige Einflussmöglichkeit, die er noch zu haben glaubte. Ich jedenfalls war zerrissen zwischen meinem verzehrenden Sorge um ihn und meiner Wut, weil er mir das antat. Ich denke aber, dass die Motive und Hintergründe sehr verschieden sein können. Die Tatsache, dass es eine solche Option überhaupt gibt, mag für manchen in einer schwierigen Lebenssituation auch Halt und Trost bedeuten. Es ist ein sehr komplexes Thema, für das es keine einfachen Antworten gibt.

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    1. Hallo Schattentänzerin,

      es stimmt, was Du sagst, die Antworten sind hier tatsächlich niemals einfach. Die Erfahrung, die Du machtest, die "emotionale Erpressung", kommt als weiterer Faktor noch hinzu und hat oft zur Konsequenz, dass Leid wiederum Leid erzeugt. Menschen können grausam sein, gegen andere und gegen sich selbst. Zum Glück können Menschen aber auch anders sein…

      Liebe Grüße, Pirandîl

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  3. Ich glaube, den Gedanken daran, vor einen einfahrenden Zug zu springen, hatte jeder schon einmal, auch wenn es die meisten wohl nicht zugeben würden. Oder bei 200 km/h auf der Autobahn plötzlich das Lenkrad rumzureißen und das Auto in den Brückenpfeiler zu fahren. Ich glaube, was daran so faszinierend ist, ist gar nicht mal das Sterbenwollen, sondern die theoretische Möglichkeit. Und dass uns nur ein Muskelimpuls vom Totsein trennt. Denn diese Arten, sich umzubringen, sind in der Durchführung so un­prä­ten­ti­ös, sind einfach da, bieten sich immer mal wieder wie ein Schleudersitz selbst an als Ausweg aus einem zu anstrengenden Leben. Was dann halt den Selbstmörder vom Überleger unterscheidet, ist die Durchführung. Bisher bist du nicht gesprungen, ich auch nicht - und die meisten Menschen, die ab und zu darüber nachdenken, wohl genauso nicht. Und das ist auch gut so. Man muss sich bewusst machen, dass auch das Spiel mit dem Gedanken gefährlich sein kann. Denn so ein Sprung, so ein Lenkrad rumreißen, dauert nur eine Sekunde und kostet ein ganzes Leben, das auch anders wieder in die Reihe hätte gebracht werden können.

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    1. Hallo Dezembra,

      in gewisser Weise könnte man sagen, das Spiel der Gedanken ist immer Gefährlich, aber natürlich hast Du Recht, in diesem Fall ist das Gedankenspiel von ganz besonderer Gefahr. Ich finde interessant, dass Du die Autobahn als Möglichkeit einwirfst, das wäre mir nie eingefallen, wahrscheinlich deshalb, weil ich schon seit Jahren nicht mehr hinter dem Lenkrad eines Autos saß. Bei mir sind es Bahngleise, einfach, weil ich ein passionierter Zugfahrer bin. So bestimmt die Lebenswirklichkeit des Einzelnen auch dessen schwärzeste Fantasien. Auf dass es immer nur Fantasien bleiben mögen,

      liebe Grüße, Pirandîl

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  4. Lieber Pirandîl,
    ich bin erschüttert und fasziniert von deinem Text.
    Es ist gut, dass du ihn veröffentlich hast.
    Seltsam, wie uns immer wieder zur gleichen Zeit die gleichen Dinge beschäftigen.

    Danke für deine Worte, für deine guten Wünsche. Ich habe mir eine Pause genommen, eine kleine Auszeit, und ich bin nicht alleine.

    Auch dir wünsche ich eine erholsame freie Zeit mit einem oder auch mehreren guten Büchern und vielen guten Gedanken.
    Alles Liebe an dich, Anna.

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