Freitag, 31. Oktober 2014

Es geht auf November zu

Es geht auf November zu, die Tage in Frankfurt sind grau.
Es geht auf November zu, die Tage sind grau. Ich habe Spätschicht und mein Vater ist tot. Das Leben kommt mir manchmal so geisterhaft vor.

Wir haben um ihn geweint, wir haben ihn begraben, nun geht es weiter. Der Spätdienst endet um Mitternacht. Ein anderer Alltag, anders, als der aller anderen, doch am Vormittag hat man Zeit. Am Montag waren wir in der Wohnung, meine Schwester und ich. Zusammen mit unserer Mutter haben wir das Arbeitszimmer meines Vaters aufgeräumt. Viele seiner Bücher sind nun bei meiner Schwester und mir. Ich habe Bilderbücher in der Hand gehabt, die ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen habe. Bücher, die mir als Kind vorgelesen wurden, Bücher um die ich meinen Vater als Erwachsener beneidet habe. Ein Märchenbuch mit Illustrationen von Alfred Kubin, ich weiß noch, wie sehr er daran hing.

Meine Mutter will aus der Wohnung ausziehen, es ist die richtige Entscheidung. Sie wird vieles nicht mitnehmen können, wenn sie ihr Leben neu einrichtet, nur die wichtigen Dinge. Meine Schwester und ich helfen ihr. Es macht mich froh, dass meine Familie da ist, wenn sie gebraucht wird.

Es ist bald November und die Tage sind grau. Nun beginnt die unwirkliche Zeit. Man freut sich, wenn man nachhause kommt und das Träumen fällt leicht, auch wenn man wach ist. Meine Mutter hat nach dem Tod meines Vaters einmal gesagt, sie müsse sich immer wieder daran erinnern, dass es kein Traum ist, dass er wirklich tot ist. Das Leben kommt mir manchmal so geisterhaft vor. Doch Stück für Stück wird es wieder lebendiger werden, an jedem Tag ein Stück mehr.


Mein Vater, Dieter Gürtler,
im Juli 2006.
Mein Vater, Dieter Gürtler, starb am frühen Morgen des 8. Oktober 2014. Er wurde 74 Jahre alt. Das Foto zeigt ihn im Juli 2006. So war mein Vater, bevor er krank wurde. Vor seinem Tod war sein Gesicht immer angespannt, gezeichnet von seiner Krankheit. Doch nach seinem Tod fand er zu seinem alten Gesicht zurück. Lebe wohl, Dieter Gürtler. Ich liebe Dich.

Kommentare:

  1. Wahrlich, geisterhaft ist der Tod auf sonderbare Weise tatsächlich - gerade an diesem Tage. Ist es für dich erträglich, schon arbeiten zu gehen? Erneut möchte ich dir mein Beleid aussprechen. Das gilt auch für deine Mutter und deine Schwester.

    Danke für deine Worte. Du musst dich aber nicht durch mein Gedankenwirrwarr kämpfen, wenn es dir selbst so schlecht geht.
    Gib nicht auf.

    Liebe Grüße
    Emaschi

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  2. Es tut mir leid.
    Ich habe nicht viele Worte und schon nicht die richtigen. Aber ich denke an dich. Und wünsche dir und deiner Familie die Kraft die ihr braucht.
    Hier ist gerade der Tag der Toten, weißt du wie das funktioniert? Sie bauen Altäre auf mit Blumen die den Weg weisen und essen und trinken und allerlei Dingen, denn heute kommen, hier in mexico, die Toten zu Besuch. Bleiben einen Tag und gehen wieder, bis zum nächsten Jahr. Es ist eine schöne Art, seinen toten nah zu fühlen.
    Alles Liebe pîrandil, und ich wünsche dir sehr, dass du in diesem Winter nicht im unwirklichen versinkst.

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  3. Ein wunderschöner und sehr trauriger Abschiedsgruß an deinem Vater. Ich kannte ihn nicht, aber ich finde, dass du ihm, wie er auf dem Foto aussieht, sehr ähnlich bist. Und das ist ein schönes Vermächtnis.

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