Sonntag, 24. August 2014

Eine Lanze für das E-Book II

Das E-Book ist da. Es ist Teil der Lebenswirklichkeit und seine Bedeutung wird noch weiter zunehmen. Über eine grundsätzliche Definition des Mediums habe ich mir in meinem Essay » Die Ecke im Blatt Gedanken gemacht. Was Literatur für mich ist, habe ich in dem Essay » Von den drei Orten umrissen. Hier geht es mir nun um die Frage, was das digitale Lesen eigentlich für die Literatur bedeutet. Dies vorneweg: Die Literatur wird dadurch nicht neu erfunden. Aber es eröffnen sich Chancen – und ich behaupte, sie tun der Literatur gut.

Schwerelos

Oder: Vom Fluch der Seitenzahlen


Ein Gespenst geht um in den Buchhandlungen. Das E-Book versetzt den Buchmarkt in helle Aufregung. Mancher sieht schon den Tag heraufziehen, da der letzte Buchladen schließt und – so die Befürchtung – dann das Abendland untergeht. Ob dies wirklich passieren wird? Ich würde mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen, doch um es offen zu sagen, das interessiert mich hier auch nicht.

Die Verwerfungen, zu denen die langsame Ausbreitung des E-Books auf dem deutschen Buchmarkt führt, sind sicher der Betrachtung wert; in den Fachkreisen der Buchhändler und Verleger werden die entsprechenden Debatten schon geführt. Ich will jedoch eine ganz andere Frage stellen: Was bedeutet es eigentlich für die Literatur, wenn plötzlich nicht mehr auf Papier, sondern digital gelesen wird?

Der Text bleibt der Text


Lapidar ließe sich sofort einwenden, es bedeutet rein gar nichts. Der Text bleibt doch der Text, der Roman bleibt der Roman, also was soll das Grübeln? So einfach ist es aber nicht. Es stimmt natürlich, ob ich – nur als Beispiel – E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ nun auf Papier oder auf dem E-Reader lese, der Text ist in beiden Fällen derselbe. Es gibt aber einen feinen, zunächst kaum wahrnehmbaren Unterschied, der unweigerlich durch die unterschiedlichen Medien entsteht: Die Seitenzahlen.

Betrachten wir zunächst die Papier-Ausgabe der „Elixiere“. Ein herkömmliches Buch, Papierseiten zwischen zwei Buchdeckeln, ob nun Paperback oder gebundenes Buch ist dabei unerheblich. Dieses eine konkrete Buch, das wir nun vor uns haben, ist ein in sich ruhendes Ding. Ebenso konkret wie das Buch als solches, ist auch die Anzahl der Papierseiten zwischen den Buchdeckeln. Hoffmanns Text verteilt sich über eine genau festgelegte Anzahl an Seiten. Von Ausgabe zu Ausgabe kann die Zahl der Seiten natürlich variieren. Abhängig davon, welche Schrifttype gewählt wurde oder welche Größe und Laufweite die einzelnen Lettern haben, kommen die Elixiere mal mit mehr, mal mit weniger Seiten aus, doch das jeweils einzelne Buch hat immer eine genau festgelegte Anzahl an Seiten.

Eine irrelevante Größe


Halten wir die E-Book-Ausgabe der „Elixiere“ dagegen, sehen wir sofort den Unterschied: Seitenzahlen sind für das E-Book eine irrelevante Größe, es kennt sie in der Regel auch nicht. Anstelle der Seitenzahlen bekommt der Leser die Information, wie viel Prozent des Textes er bereits gelesen bzw. noch vor sich hat. Diese Information jedoch ist eine gänzlich andere Größe, als die Paginierung (die Seitenzahlen) eines Papier-Buchs. (Davon zu unterscheiden sind solche älteren E-Books, die als PDF-Dateien abgespeichert sind. Diese kennen tatsächlich noch Seitenzahlen, sie können hier aber vernachlässigt werden, heute werden E-Books nicht mehr als PDFs abgespeichert.)

Der Grund, warum E-Books auf die Seitenzahlen verzichten, hängt mit dem spezifischen Wesen der E-Books zusammen, mit dem Umstand nämlich, dass E-Books eben keine Bücher sind! E-Books sind nichts anderes, als ein kleine Bündel digital abgespeicherter Informationen. Ein E-Book ist eine Computerdatei, mehr nicht. Die in der Datei abgespeicherten Informationen werden mit dem E-Reader sichtbar und damit auch lesbar gemacht. Dabei werden den Informationen aus der Datei durch den Reader Form und Gestalt quasi geliehen – abhängig von den Maßgaben, die der Leser vorher definiert hat. Denn der Leser eines E-Books besitzt die Freiheit, die Schrifttype, die er liest ebenso bestimmen zu können, wie die Größe der Lettern. Besonders für sehschwache Leser ist dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Diese Besonderheit macht aber auch deutlich, warum eine Paginierung wie bei einem Papierbuch bei einem E-Book völlig obsolet ist.

So weit, so gut, doch was bedeutet dies nun für die Literatur? Zumindest für jene Texte, die das Papierkleid abstreifen und digital publiziert werden, bedeutet es die Befreiung vom Fluch der Seitenzahlen!

Überall Romane


Um zu verstehen, was damit gemeint ist, muss man sich nur eine typische deutsche Buchhandlung vor Augen halten: ein Raum mit Regalen voller Bücher. Blickt man genauer hin, stellt man schnell fest, dass die Dominanz der Romane unter den angebotenen Büchern enorm erdrückend ist. Wo man nur hinschaut, überall Romane. Mal sind sie auf viele hundert Seiten angeschwollen, mal kommen sie manierlicher daher, doch es sind und bleiben Romane. Kurze Erzählungen, Novellen und Kurzgeschichten wurden anscheinend hauptsächlich von früheren Autoren verfasst, denn nur von längst toten Autoren lassen sich Sammlungen dieser Textgattungen problemlos erwerben. Diese Beobachtung ist nicht neu und schon seit langem ein Thema des Feuilletons. Natürlich schreiben auch moderne Autoren noch Kurzgeschichten und vielleicht sogar Novellen, nur die Verlage drucken sie nicht. Die Verlage drucken am liebsten Romane. Für die Autoren bedeutet das, wollen sie, dass ihr Text von einem Verlag gedruckt wird, müssen sie dafür Sorge tragen, dass der Text massiv genug daher kommt – also genug Seitenzahlen hat – um als Roman durchgehen zu können. Ob es sich bei dem Text dann tatsächlich auch um einen Roman im engeren Sinne handelt, oder nur um eine aufgeblasene Erzählung, ist eine andere Frage. Fakt ist aber, moderne Autoren schreiben Romane weil die Verlage Romane wollen. Das ist auch verständlich, denn Verlage produzieren Bücher und mit einer kurzen Erzählung füllt man kein Buch. Die Konsequenz: Die kurzen Literaturformen sind in der zeitgenössischen deutschen Literatur scheinbar ausgestorben.

Die Chance nutzen


Doch genau hier schlägt die Stunde des E-Books. Das digitale „Buch“ kennt keine Seitenzahlen und es ist absolut unerheblich, wie viele oder wie wenige „fiktive Seiten“ ein digitaler Text hat. Für die Literatur bedeutet das ganz konkret: Die Rückkehr zu kurzen Formen des Erzählens ist möglich – und genau das passiert auch. Wer sich durch das Angebot deutschsprachiger E-Books bewegt, stößt schnell auf Texte, die gedruckt vielleicht nur wenige Seiten füllen würden. Ob diese Texte dann gut oder schlecht sind, hängt nicht von der Anzahl der Wörter ab. Der Roman wird dadurch nicht verdrängt. Nur seine Dominanz ist endlich beendet. Das E-Book bietet die Chance, zu einer Formenvielfalt des Erzählens zurückzukehren, die es so schon seit vielen Jahren in der deutschen Literatur nicht mehr gab. Lasst uns diese Chance nutzen.

Kommentare:

  1. Das ist eine höchst interessante Betrachtungweise!

    Ich gebe zu, bislang war ich noch immer eine Anhängerin des geschriebenen Buches, aber ich liebäugele zunehmend damit, mir einen eBook-Reader zuzulegen. Der Vorteil, nicht immer schwere Bücher mit mir herumschleppen zu müssen, erscheint mir doch gar zu groß. Und wenn ich ehrlich bin, dann lese ich schon jetzt sehr viel mehr digital als analog.

    Herzliche Grüße,
    Schattentänzerin

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    1. Hallo Schattentänzerin, es freut mich sehr, wieder von Dir zu lesen – nicht nur hier, sondern auch und vor allem in Deinem Blog. Vielen Dank für Deinen Kommentar und liebe Grüße, Pirandîl

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    2. Lieber Pirandil, das freut nun wiederum mich sehr! *strahl*

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  2. "...zu einer Formenvielfalt des Erzählens zurückzukehren, die es so schon seit vielen Jahren in der deutschen Literatur nicht mehr gab. Lasst uns diese Chance nutzen." Der Satz gefällt mir wirklich besonders gut. Er gibt auch mein Lesegefühl wieder.

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    1. Hallo Katharina, es freut mich sehr, dass mein Text Anklang bei Dir findet. Ich glaube tatsächlich daran, dass das E-Book auch eine Chance für die Literatur sein kann. Du scheinst das ähnlich zu sehen.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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