Sonntag, 10. August 2014

Eine Lanze für das E-Book I

Was genau ist ein E-Book? Was zeichnet es aus und was unterscheidet es vom herkömmlichen Buch? Es geht mir dabei nicht um den technischen Firlefanz, den können andere besser erklären. Ich frage grundsätzlicher. Die Überlegungen, die ich dabei anstelle, kamen mir, als ich an meinen eigenen » E-Books bastelte. Ich behaupte nicht, dass ich damit alles gesagt hätte, was zu sagen ist. Im Gegenteil, ich würde mich sogar sehr freuen, wenn andere ihre Ansichten und Meinungen beisteuern würden. Auch Kritik ist ausdrücklich willkommen. Es ist wichtig, über das E-Book zu reden, denn es hat Zukunft. In meinem Essay gehe ich zwei Fragen nach: Was unterscheidet E-Book und Buch und warum wird das E-Book von nicht wenigen Menschen grundsätzlich abgelehnt?

Die Ecke im Blatt

Kurze Darlegung, warum ein E-Book kein Buch ist


„Da kann ich ja gar keine Ecke ins Blatt machen!“ Damit war das Urteil gefällt: Keine Gnade für das E-Book. Ich hatte einer guten Freundin von meinem E-Book-Reader erzählt, hatte das elektronische Papier beschrieben und wie sehr es mich fasziniert. Doch meine Begeisterung änderte nichts an ihrer Ablehnung, sie wird weiterhin auf Papier lesen. Damit ist sie weiß Gott nicht allein. Das E-Book hat in Deutschland nach wie vor eine überschaubare Anhängerschaft, E-Ink und Tablet-Rechnern zum Trotz. Ich will hier die Frage stellen, wieso? Woran liegt es, dass diese neue Technik anscheinend bei einigen Menschen auf Skepsis und Ablehnung stößt? Was ist ihr zu eigen, was sie verdächtig macht? Meine These dazu: Die Ablehnung des E-Books, die ich diagnostiziere, ist eine kulturell-psychologisch motivierte Ablehnung – und nach den Gründen derselben will ich fragen.

Anfangs dachte ich, das Religiöse, das in unserer scheinbar so säkularen Gesellschaft doch stets die Grundfesten der Kultur durchtränkt, wäre die Erklärung. Christentum, Judentum und Islam werden nicht ohne Grund „Buchreligionen“ genannt und selbst der eingefleischteste Atheist erkennt „Das Buch“, wenn er es sieht, sei es nun die Bibel, die Thora oder der Koran. Dieser Gedanke mag erklären, warum wir alle gewissermaßen mit der kulturellen Muttermilch einen gewissen Respekt vor dem Medium „Buch“ einsaugen. Ich folgerte nun, dass es diese unterschwellige, religiöse Erhöhung des Buchs sei, die das „Neue Buch“, das E-Book, den Menschen verdächtig mache – bei Licht betrachtet erklärt dieser Gedanke jedoch nichts. Er schildert nur ein weiteres Symptom. Nein, um zu begreifen, was das „Andere“ des E-Books ist, muss erst begriffen werden, was das Wesen des Buchs ist. Nur wenn deutlich wird, was der Unterschied zwischen E-Book und Buch ist, wenn klar wird, warum ein E-Book eben kein Buch ist, kann auch die Ablehnung gegenüber dem E-Book erklärt werden. Doch was ist nun das Wesen des Buchs? Es ist eben die besagte „Ecke im Blatt“.

Allen, die mit dem Terminus nichts anfangen können, sei kurz erklärt, eine „Ecke“ ins Blatt machen meint jene – von vielen betriebene und von ebenso vielen missachtete – Praxis, beim Lesen eines Buchs eine als bedeutsam angesehene Stelle dadurch zu markieren, dass einfach die Ecke einer Buchseite umgeknickt wird. Ein „Eselsohr“ machen ist eine andere Bezeichnung dafür.

Ein Gegenstand unserer Welt


Diese „Ecke im Blatt“, sie ist zunächst einmal tatsächlich nichts anderes, als eben die umgeknickte Ecke einer Buchseite. Das mag banal klingen, aber dennoch ist diese Feststellung wichtig. Der Umstand, dass ein Leser überhaupt dazu in der Lage ist, die Ecke einer Buchseite umzuknicken, verweist nämlich darauf, dass die Buchseite und das Buch überhaupt aus Materie besteht. Ein Buch ist ein Gegenstand unserer Welt und eben nur weil es Objekt ist, sind wir auch dazu in der Lage, es mit unseren Sinnen zu erfassen. Wir können das Buch sehen, können es anfassen, es aufschlagen, darin blättern, es bearbeiten und auch zerstören. Doch das Buch ist ein besonderes Ding, auch hierauf verweist die Ecke im Blatt. Denn die Buchseite wird nie ohne Grund umgeknickt.

Ein Buch enthält einen Text, das ist jedem geläufig. Auf den Seiten sind in der Regel Schriftzeichen und für jene, die in der Lage sind, diese Zeichen zu entziffern, ergeben sie einen Text mit Bedeutung und Sinn. Dies ist eine besondere Eigenschaft des Buchs, und genau hierauf verweist die Ecke im Blatt. Sie markiert eine Stelle im Text, die der Leser als wichtig ansieht. Denn er macht die Ecke ins Blatt, um genau diese Textstelle schnell wiederfinden zu können. Die geknickte Seite ist also eine Markierung, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Text des Buchs steht, oder um es noch genauer zu fassen: Die Ecke im Blatt steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Bedeutung und Sinn des Textes, denn dies ist das Eigentliche, was der Leser im Text sucht.

Der Doppelcharakter des Buchs


Die Ecke im Blatt, sie steht somit für den Doppelcharakter des Buchs: Denn dieses ist nicht nur ein Gegenstand, es ist zugleich als ein Träger von Text ein Träger von Bedeutung und Sinn. Dieser Gedanke muss fortgeführt werden, denn als ein Träger von Bedeutung und Sinn kreist das Buch nicht um sich selbst, sondern vielmehr vermag es die ganze Welt zu erfassen, soweit Menschen sie nur überblicken können. Bedeutung und Sinn eines Buchs sind potenziell allumfassend – und doch gebunden an die Stofflichkeit des Buchs! Stellvertretend für „Bedeutung und Sinn“ kann auch gesagt werden, ein Text erzählt eine Geschichte. Diese kann reine Fiktion sein, wie zum Beispiel bei einem Roman, oder aber mit einem Wirklichkeitsanspruch auftreten, hierfür steht das weite Feld der Sachbücher. Doch egal ob Roman oder Sachbuch, immer gilt: Text und Buch sind eine Einheit. Ohne den Text wäre das Buch kein Buch, zerstört man jedoch das Buch vernichtet man zugleich auch den Text. In unserer Zeit, da Bücher als Massenware gehandelt werden, mag dieser Gedanke zunächst unerheblich erscheinen, seine wahre Bedeutung wird jedoch klar, wenn man sich das Folgende vergegenwärtigt: Das Gilgamesch-Epos ist mehr als 3.000 Jahre alt. Die Geschichte wäre verloren und vergessen, wäre sie nicht in Tontafeln geritzt worden (und eine Tontafel ist letztendlich nur eine andere Form von Buch). Weil Buch und Text eins sind, weil die vom Text erzählte Geschichte im Buch zum Objekt wird, kann mit dem Buch auch die Geschichte die Zeit überdauern. Denn das ist das Wesen des Buchs: Durch das eigene Ding-Sein verleiht es auch der Schrift, die es trägt, und damit dem Text und dessen Bedeutung und Sinn eine dauerhafte konkrete Gegenständlichkeit. Ein Buch, das ist eine zum bleibenden Objekt gewordene Geschichte, solange da nur einer ist, der es lesen kann – und, so er will, eine Ecke ins Blatt macht.

Halten wir nun das E-Book dagegen, so wird schnell deutlich, das es tatsächlich kein Buch ist! Dabei muss zunächst mit einem Missverständnis aufgeräumt werden. Fällt das Wort „E-Book“, so haben die meisten Menschen augenblicklich ein bestimmtes Bild vor Augen: Eine Frau oder ein Mann hält einen kleinen, flachen Bildschirm in der Hand und liest den Text, der auf diesem Bildschirm dargestellt wird. Dieses Bild entspricht der Realität, genau so werden E-Books in der Regel gelesen. Doch gleichzeitig täuscht dieses Bild auch. Denn der Leser hält nicht das E-Book in der Hand, sondern das Anzeigegerät, das er benutzt, um das E-Book zu lesen. Das E-Book selbst ist nichts anderes, als eine Datei, eine Einheit digital gespeicherter Daten, gestaltlos und unsichtbar. Ingenieure und Informatiker werden nun vielleicht die Stirn in Falten legen und einwenden wollen, dass auch eine Computerdatei in letzter Konsequenz einen materiellen Träger braucht, also durchaus im weitesten Sinn einen Objekt-Status besitzt. Ihnen sei geantwortet: Ich argumentiere aus dem Alltagswissen heraus. Was sich auf der Festplatte eines Rechners abspielt, das geschieht im Verborgenen, es kann im normalen Alltag mit Sinnen nicht erfasst werden, ist darum also gestaltlos und unsichtbar.

Gestaltloser Text


Dieses nicht greifbare Etwas wird zum Text, wenn es mit dem richtigen Gerät sichtbar gemacht wird. Erst wenn die Datei in den E-Book-Reader (den Tablet-Rechner, das Smartphone, den PC) eingefügt wird, kann sie verwendet, also der Text des E-Books gelesen werden – und dies ist der entscheidende Unterschied. Wo das Buch sich eben dadurch auszeichnet, dass Text und Objekt untrennbar eins sind, da ist das E-Book das genaue Gegenteil. Denn das eigentliche E-Book, die Datei, kann von einem Anzeigegerät auf ein anderes verschoben werden. Der Text bleibt immer derselbe, die Form jedoch, in der er erscheint, wechselt. Das E-Book ist gestaltloser Text, der erst greifbar und somit lesbar wird, wenn ein weiteres Ding dazu kommt, eben das Anzeigegerät, der Reader, der Tablet-Rechner oder was auch immer. Dies ist der eine, der wichtige Unterschied.

Ich komme nun zum Kern der am Beginn gestellten Frage: Was ist es, dass die neue Technik des E-Books den Menschen verdächtig macht? Die Gegenständlichkeit des Buchs und der im Buch festgefügte Text spielen hier die entscheidende Rolle. Wir erkennen im Buch ein Ding, dass Sinn und Bedeutung in sich trägt, die weit über das Ding an sich hinaus reichen, die potentiell so weit reichen, wie menschlicher Geist nur zu tragen vermag. Denn der Text im Buch ist ein Produkt menschlichen Geistes, das Buch als ein Objekt gewordener Text also auch ein Objekt gewordener Abklang eben jenes menschlichen Geistes. So wie wir selbst, solange wir in dieser Welt sind, eine unteilbare Einheit von Körper und Geist darstellen, so erkennen wir im Buch einen uns wesensverwandten Gegenstand, in dem menschliche Geisteskraft in Form von Text konkret und dauerhaft zum Objekt erstarrt ist. Darum sehen wir, bewusst oder unbewusst, im Buch eine Pseudoperson; das Ding wird unter unseren Händen zum Fetisch, jeder Büchernarr wird dies bezeugen können, wenn er ehrlich ist.

Liest einer also ein Buch, so lauscht er unbewusst einer künstlichen Person, die ihm unteilbar gegenübersteht. Ein Eselsohr machen oder ein Lesezeichen einlegen gewinnt so die Qualität einer tatsächlichen, physisch wahrnehmbaren Interaktion. Darum ist es meiner am Beginn zitierten Freundin wichtig, eine Ecke ins Blatt machen zu können, denn sie knüpft so nicht nur geistig durch das Lesen, sondern auch körperlich durch konkretes Handeln eine Beziehung zum Buch. Umgekehrt wird so auch verständlich, woraus sich die Abneigung einiger Menschen gegenüber dem E-Book speist: Denn die Aufspaltung in nicht greifbaren Text und Anzeigegerät zerstört den Fetisch-Charakter. Ein elektronisches Lesezeichen setzen wird sich niemals so anfühlen, wie das Umknicken einer Seite. Dennoch, das E-Book hat Zukunft. Es wird die gedruckten Bücher nicht vollends verdrängen, aber das digitale Lesen bietet der Literatur aufgrund der spezifischen Bedingungen des Mediums „E-Book“ neue Chancen und Möglichkeiten, » von denen noch zu sprechen sein wird.

Kommentare:

  1. Hallo Pirandel,
    Du hast dir wirklich Gedanken über dieses E-book gemacht und viele Fakten zusammengetragen, die für und die dagegen sprechen.
    Ich bin ein absoluter Lesefan, seit meiner Kindheit. Bei mir stapeln sich die Bücher, denn ich möchte sie auch nicht weggeben, sie gehören eben zu mir, manchmal mit Ecke, meistens ohne, weil ich sehr penibel bin.
    Meine Antwort auf die Frage: "Weshalb hast du kein E-book"? war immer die selbe "Ich kann mir nicht vorstellen zu lesen, wenn ich kein Buch in der Hand halte, wenn ich die Seiten nicht umblättern kann, den Geruch des Buches nicht vernehme" Allerdings wurde ich aus einigen Gründen eines besseren belehrt, erstens kann ich die Schrift vergrößern, zweitens ist es mit einer Hand bedienbar, drittens ist es so praktisch, wenn man Arztbesuche usw. absolviert und lange Zeit warten muss, aber der wichtigste Aspekt ist jener, dass ich jederzeit das Buch, von dem ich gerade höre. lese usw. raufladen kann und sofort für mich bereitsteht. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist auch die Tatsache, dass ich bei jedem Urlaub, ob Kurztrip oder länger, keine Bücher mehr mitschleppen muss, ich war da wie ein Raucher, der ohne Zigaretten nicht leben kann.
    Allerdings so Klassiker, Sachbücher, Kochbücher usw. die werde ich immer in Buchform kaufen. Ich finde beides sehr ansprechend.
    LG und noch einen schönen Abend.
    Sadie

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  2. Wie Sadie bin ich absoluter Buch-Junkie. Langsam nähert sich mein Buchbestand der 4000er-Grenze. Und anfangs war ich auch gegen eBooks. Aber im Urlaub, beim Arzt, etc (siehe Sadie) sind sie so praktisch, dass es unendliche Dummheit wäre, sie nicht zu nutzen. Es heißt ja nicht, dass man deswegen keine "echten Bücher" mehr liest, kauft, verwendet. Ich habe zum Teil beides, die e- und die Printversion.

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  3. Ein guter Text, wahre Gedanken. Hast du Lust, ihn als Gastbeitrag für meinen Blog zur Verfügung zu stellen? Das ist ja schon ein Thema, das viele Leute interessiert.

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  4. Vielen Dank für Eure Kommentare, es freut mich sehr, dass ich Euch "Bücherwürmer" mit meinem Text erreichen konnte ;)

    Es stimmt natürlich, das geringe Gewicht des E-Book-Readers ist besonders auf Reisen ein großer Vorteil gegenüber dem klassischen Buch und die variable Schriftgröße ist für sehschwache Menschen ein Segen. Mein Vater ist deswegen ebenfalls zum digitalen Leser geworden.

    @Dezembra: Vielen Dank, selbstverständlich darfst Du den Text als Gastbeitrag in deinen Blog übernehmen. Ich tickere Dich über Facebook deswegen noch einmal an.

    Liebe Grüße an Euch alle,


    Pirandîl

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