Sonntag, 13. Juli 2014

Küche und Garten

Wohin wir auch gehen, was wir auch tun, es ist das Zusammenspiel aus Vergangenheit und freiem Willen, das bestimmt, wer wir sind. Denn unsere Herkunft können wir nicht ablegen, wir können sie nur verhandeln.

Eigentlich möchte ich einen ganz anderen Text schreiben. Die Ideen sind da, sie liegen nur am falschen Platz. Also richte ich den Blick nun nach innen und schreibe diesen Text, der auch schon seit längerem im Gehirnkasten liegt. Küche und Garten, was sind sie für mich?

Der Morgen war verregnet und grau,
doch meine Pflanzen mochten es sehr.
© Pirandîl
Sie sind zunächst einmal nicht das, als was sie erscheinen. Denn meine Küche, das ist die Koch-Ecke in meiner Ein-Zimmer-Wohnung und mein Garten, das ist die Metalltreppe, die zu meiner Wohnungstür führt. Es gibt größere Küchen, richtige Gärten, und doch bedeuten mir meine Küche und mein Garten ungeheuer viel. Denn kochen oder eine Pflanze umtopfen, das bedeutet auch, am Leben zu sein.

Je älter ich werde, desto deutlicher und klarer sehe ich, das ich bin wer ich bin, weil ich von dort komme, woher ich komme. Das Leben besteht eben nicht nur aus den Entscheidungen die wir treffen und verantworten müssen, es besteht immer auch aus den Entscheidungen der anderen. Besonders die Entscheidungen, die andere treffen während wir Kinder sind, prägen uns fürs Leben. Den eigenen Eltern lässt sich immer viel vorwerfen. Es gibt Lebensgeschichten, die in der Kindheit und Jugend so voll von Grausamkeit sind, dass der Horror ein Leben lang nachhallt. Ich habe meinen Eltern zum Glück keine solch schweren Vorwürfe zu machen. Darum werde ich hier über all die kleinen Fehler und Nachlässigkeiten schweigen. Wer hat schon perfekte Eltern? Und schlimmer noch: Wie furchtbar muss es sein, perfekte Eltern zu haben?

Es war mein Vater, der mich das Kochen lehrte und er versteht eine Menge davon. Ich war wohl kein ganz schlechter Schüler, denn immerhin konnte ich über sechs Jahre hinweg mit Kochen mein Geld verdienen. Zwar stehe ich heute nicht mehr in einem Restaurant als Koch hinter dem Herd, doch wenn ich an diese Zeit zurückdenke, war sie nicht unbedingt die schlechteste. Das mag auch Verklärung der Vergangenheit sein, wenn man bedenkt, dass mir die Arbeit als Journalist zurzeit mehr und mehr missfällt. Ich bin meinem Vater jedenfalls sehr dankbar, dass er mir das Kochen beibrachte. Der Umstand, dass ich alleine Lebe und trotzdem mehrmals in der Woche für mich selbst koche zeigt, wie sehr mir diese Tätigkeit in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Der Garten hingegen, das ist meine Mutter. Auch sie hat selbst keinen wirklichen Garten, doch der Balkon der Wohnung, in der ich aufwuchs und in der meine Eltern heute noch leben, verwandelt sich in jedem Jahr aufs Neue in eine grüne Insel. Das Glück, das meine Mutter empfindet, wenn sie ihre Pflanzen hegt, habe inzwischen auch ich kennengelernt. Wie viel ist freier Wille, wie viel ist von früher her überkommen? Die Leidenschaft meiner Mutter für ihre Pflanzen geht zurück auf ihre Großmutter, bei der meine Mutter aufwuchs. Die Begeisterung fürs Kochen und Gärtnern ist zudem nicht nur mir zu eigen, auch meine Schwester hat diesen Spleen. Als ich im vergangenen Jahr in die Wohnung einzog und mit der Metalltreppe zum ersten Mal die Möglichkeit bekam, Blumentöpfe unter freiem Himmel aufzustellen, wann habe ich da entschieden, die Treppe zum Garten zu machen? Ich könnte es nicht genau sagen, doch ziemlich bald nach dem Einzug stand der erste Blumentopf da – es war übrigens die » Hortensie.

Und nun? Die Gedanken sind aufgeschrieben und es ist schön für mich, sie zu lesen. Bezeichnenderweise werden meine Eltern diesen Text wohl nie zu Gesicht bekommen, denn das Internet ist ein Raum, zu dem sie nicht wirklich Zugang haben, auch wenn Rechner und W-Lan-Netz vorhanden sind. Es ist einfach nicht ihre Welt. Allerdings glaube ich, dass die Überlegungen, die ich hier anstelle, ihnen ohnehin bestens bekannt sind. Ich widme ihnen diesen Text trotzdem:

Für meine Eltern, Juli 2014

Kommentare:

  1. Gartentätigkeiten (auch im Kleinen) und Kochen (egal, wie 'groß' die Küche ist) sind Beschäftigungen, die ich in einer Linie mit der Philosophie sehe. Darin offenbart sich unser Menschsein.

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    1. Ein schöner Vergleich. Vielen Dank für diesen Kommentar.

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  2. Ein schöner Pflanzen-Mutter-Vater-Aufderweltsein-Text!!
    Und diesen Vertipper finde ich entzückend, denn das Gehirn könnte auch als Geh-rin-Ding bezeichnet werden :-)

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    1. Danke für den Kommentar und auch vielen Dank für den Hinweis. Auch wenn ich zugebe, dass der Buchstabendreher einen gewissen Reiz hat, ich habe ihn trotzdem korrigiert ;)

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