Samstag, 31. Mai 2014

Karl Krolow der Name

Einen Dichter kennen lernen, das ist wie ein fremdes Land erkunden. Ein vorsichtiger Blick, ein misstrauisches Wittern, droht hier Gefahr? Der schmale Band liegt vor mir, „Fremde Körper“ der Titel, Karl Krolow der Name – wer bist Du, Karl?

Ein kurzer Blick, ein Austesten, was hast Du zu bieten? Deine Sprache singt nicht. Du erzählst in Versen, malst Bilder mit kräftigen Farben, ich muss mich einlesen in Dich. Ist es das dritte, ist es das fünfte Gedicht? Plötzlich, ganz unvorbereitet, merke ich es: Du hast mich erwischt.

Da ist Stärke und Verhängnis zwischen den Zeilen, auch der Tod ist präsent, doch bisher nur leise, im Hintergrund. Da ist die lähmende Hitze des Sommers, die lächelnde Schwermut eines Augustabends und die ahnende Schläfrigkeit eines Ankommenden. Ich habe längst beschlossen, von Dir zu trinken, noch ehe ich es mir selbst eingestehe. Das ist wohl Meisterschaft, ich erkenne sie an. Wer bist Du, Karl?

Das Internet spuckt Stichworte aus. Krolow, der Bewunderte, der Preisgekrönt; Du warst ein Großer, Karl. Doch da ist auch ein Schmutzfleck. Das » Lexikon weiß es. Du warst Hitlerjunge, warst Parteimitglied. 1937, als Du eingetreten bist in die NSDAP, da warst Du 22 Jahre alt. Du warst ein Nazi, Karl, doch Deine Gedichte sind wunderschön. Wie geht das zusammen? Ich will Dir Zeit schenken – was werde ich finden?

Kommentare:

  1. http://www.planetlyrik.de/karl-krolow-gesammelte-gedichte-1/2011/12/

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  2. Im Seminar über Nachkriegslyrik wurde gesagt, er sei kein Nazi gewesen, sondern habe sich, wie viele andere Autoren und Künstler auch, in die "Innere Emigration" begeben.

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  3. Peter Härtling sagte eben in einer Radiosendung, dass das mit der Inneren Emigration eine Ausrede gewesen sei....
    Ich kannte Herrn Krolow persönlich, habe ihn einige Male auf der Rosenhöhe in Darmstadt besucht und vor einigen Jahren dreißig seiner Briefe unserer Korrespondenz zum Deutschen Literaturarchiv nach Marbach gebracht.
    Übrigens meinte Peter Härtling vorhin noch, dass Krolows Gedichtbände, zu denen er teilweise ein Vor- oder Nachwort schrieb, eine Verkaufsstatistik gegen Null hätten und das unendlich schade wäre....
    Gruß von Sonja

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  4. Nun ja, ob Nazi, Innere Emigration oder nicht, warum sollte man lyrische Werke und persönliche Einstellungen nicht trennen können? Immerhin bist du zu dieser Zeit berechtigt, gar verpflichtet, deine eigene Meinung zu bilden und solltest lesen, was du möchtest und im Nachhinein entscheiden, was du von diesen Gedanken und Prozessen hälst.
    Ein Nazi-Buch lesen, ändert einen selbst nicht zu einem. Das ist doch das besondere daran. =)

    Danke für deinen Kommentar. Ich freue mich immer sehr von dir zu lesen.

    Liebe Grüße
    Emaschi

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  5. Hallo Sonja und Emaschi,

    danke für Eure Kommentare. Was Karl Krolow betrifft bin ich ein noch sehr unbeschriebenes Blatt. Ich habe den Band „Fremde Körper“ in einem sog. „Offenen Bücherschrank“ in Frankfurt gefunden und schon der erste kurze Blick in das Buch hat mich fasziniert. Bis dahin war mir der Dichter Karl Krolow völlig unbekannt. Als ich dann über seine Mitgliedschaft in der NSDAP las, bin ich tatsächlich kurz erschrocken, denn um die Wahrheit zu sagen, zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon in die Gedichte „verliebt“.

    Es ist schwer, über die Frage der „Inneren Emigration“ ein Urteil zu fällen, wer kann schon die Gedanken eines Menschen lesen? Tatsache ist anscheinend, das Karl Krolow Mitglied der Partei war und er hat wohl auch in NS-Zeitschriften Publiziert. Ist das noch „Innere Emigration“? Ich weiß es nicht.

    Dennoch, eben weil ich mich in die Gedichte „verliebt“ habe, will ich mehr davon lesen. Der Name Karl Krolow wird mich wohl noch eine Weile begleiten.

    Liebe Grüße


    Pirandîl

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