Freitag, 25. April 2014

Gedenkemein

Der Frühling entfaltet seine Pracht und die Temperaturen sind manchmal sogar schon frühsommerlich. Trotzdem präsentiere ich Euch hier eine Frühlingsgeschichte, die noch einmal zurückführt, näher an den Anfang des Jahres. Sie ist etwas melancholisch, ich hoffe, das stört Euch nicht.

Gedenkemein


Er ist spät dran. Der Frühling hat schon begonnen, das Licht, der Geruch, kein Zweifel; er hat lange gezögert. Während er mit der Gartenschere die Tannenzweige zerschneidet, betrachtet er seine Hände – sie sind alt. Er sieht die Tannenzweig-Stücke in die Abfalltonne fallen, eines nach dem anderen, da steigt ihm der Geruch in die Nase. Der Duft von Harz und Tanne weckt noch einmal die Erinnerung in ihm, an den Winter, an Weihnachten, das vergangene Jahr. Es war kein gutes.

Mit der Schere in der Hand geht er zurück zu den Blumentöpfen. Sie stehen zusammengerückt an der Wand des Innenhofs. Er ist im letzten Sommer in die kleine Wohnung im Hinterhaus gezogen. Er mag es, versteckt zu wohnen und die Erdgeschosswohnung ist gut für ihn, das Treppensteigen fällt ihm schwer. Zum Glück fällt genügend Licht für seine Pflanzen in den Hof. Der Umzug im Sommer war die richtige Entscheidung – sagt er sich seitdem immer wieder. Die alte Wohnung war zu groß. Nach Lenas Tod, war sie das wirklich, zu groß – und zu voll mit Gelebtem.

Er schiebt den Gedanken weg. Er will ihn jetzt nicht denken. Er muss sich um seine Blumentöpfe kümmern, es ist Zeit. Auf den meisten der Töpfe liegen noch die Tannenzweige, mit denen er die Pflanzen vor dem Frost beschützt hat. Einige Töpfe hat er deswegen sogar in Jutesäcke eingewickelt. Es ist viel zu tun, zum Glück.

Die Hortensien haben den Winter gut überstanden. Das wundert ihn nicht, sie sind hart im Nehmen. Die Zweige haben schon Knospen. Auch der Thymian ist gut durch den Winter gekommen. Ob der Rosmarin überlebt hat? Der Topf ist noch dicht mit Jute und Tanne bedeckt. Es ist viel zu tun.

Er packt Töpfe aus, schiebt auseinander und neu zusammen was er über das Jahr gebracht hat. Er putzt seine Pflanzen konzentriert, still, ganz bei der Sache. Dann kommt er zu einem kleinen Terrakotta-Topf. Er zögert kurz, bevor er den Tannenzweig anhebt, denn er hat völlig vergessen, was er in diesen Topf gepflanzt hat. Doch als er dann die kleinen grünen Blätter sieht, weiß er es sofort: „Nabelnüsschen“, nennt er die Pflanze laut beim Namen, „Gedenkemein“.

Zärtlich streichen seine Finger über das kleine Grün: „Im April wirst du blühen.“

Er weint und lächelt zugleich.

Kommentare:

  1. Sehr, sehr schön. Das rührt mich wirklich, weil ich an die vielen alten Leute in meinem Leben denken muss, deren Partner gestorben ist - und die übrig bleiben, aber häufig irgendwie doch nicht mehr wirklich da sind. Ist dir schon mal aufgefallen, dass man alten Leuten oft gar nicht so wirklich zugesteht, zu trauern? "Er oder sie war doch schon alt...", sagt man dann - aber das macht es nicht weniger schlimm. Sehr gute Geschichte.

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    1. Hallo Dezembra, vielen Dank für das Lob. Es freut mich, dass die Geschichte zu Dir gesprochen hat. Liebe Grüße und einen schönen Sonntag noch, Pirandîl

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