Mittwoch, 29. Januar 2014

Ruin und Widerstand

Am 2. Februar wird der AfE-Turm der Frankfurter Universität gesprengt. Generationen von Studenten gingen dort um, auch ich gehörte zu ihnen. Hier ist mein ganz persönlicher Rückblick auf dieses Gebäude.

Ruin und Widerstand


Ja, er war hässlich. Er war vielleicht das hässlichste Gebäude, das ich jemals sah. Ja, er war wüst, verkommen, schäbig, verfallen, was immer Ihr wollt. Ja, er war der Offenbarungseid des Bildungssystems, mit Händen zu greifender Ruin, das war er, der „Turm“ der Frankfurter Universität.

Ich erinnere mich gut an den Geruch, diese Mischung aus Zigarettenrauch, Schweiß, auch Urin. In diesem 32 Stockwerke umfassenden Monstrum aus Beton saß ich vom Ende der 90er Jahre an und paukte Marx und Mead, auch ein bisschen Adorno, Berger und Luckmann, was man halt so las bei den Soziologen.

Ich erlebte noch einen Professor und Tutoren, die ernsthaft von der Revolution sprachen, während um sie herum der 70er-Jahre-Beton bröckelte. Letzte Reste der Frankfurter Schule, kennt sie noch wer? Da waren die Seminare, hoffnungslos überfüllt, Studenten auf den Stühlen, Studenten auf den Tischen, auf dem Boden, auf dem Gang. Massen an jungen Gesichtern, angepasste, verlotterte, strenge, dumme, auch leere Gesichter, lernend, verzweifelnd, vergessend, ich erinnere mich.

Da war das Turm-Café im Erdgeschoss. Nicht jenes neue, viel zu saubere, das sie später dorthin pflanzten, Fremdkörper im Stahlbeton. Nein, ich meine jenes andere Turm-Café, das Ende der 90er noch bestand. Wo der Kaffee dünn, aber billig war, wo die Stühle wackelten, die Tische klebten, studentische Selbstverwaltung spült kein Geschirr.

An all das erinnere ich mich und ja, es ist gut, dass der Turm nun gesprengt wird. Schon damals war er aus der Zeit. Ein Relikt aus fernen Tagen, da der Glaube an Widerstand noch nicht zynisch war. Wir wussten das und wir waren zynisch, in den 90ern, ich war es in jedem Fall.

Kette-rauchend, 20-jährig, planlos geisterte ich mit tausenden Anderen durch die verworrenen Treppenhäuser. Vorbei an Wänden voller Graffiti, Pamphlete und Manifeste ging unsere Jagd. Wir bestiegen die altersschwachen Fahrstühle, die erst absackten, bevor sie sich fingen und losfuhren. Wir rauchten in den Gängen, warfen die Kippen auf den Boden und fühlten uns furchtbar intellektuell – so war das halt.

Ja, es ist gut, dass der Turm nun gesprengt wird. Doch heute, da ich älter und weniger zynisch bin, frage ich eines: Wenn die Staubwolken verzogen und die Trümmer abgeräumt sind, wo wohnt Widerstand dann?

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