Sonntag, 12. Januar 2014

Ein Schönes

Oder: Der Moment des Bösen


Ein kurzes Zischen, ein dumpfer Schlag, die U-Bahn-Tür war geschlossen. Robert stand im Gang zwischen den Sitzen. Viele Plätze waren noch frei, doch er blieb stehen. Ein sanfter Ruck ging durch den Zug, dann ein zweiter, etwas heftigerer, die U-Bahn fuhr los. Er stellte sich schließlich in die Ecke einer der Türnischen auf der linken Seite des Wagons, denn hier würden die Türen für den Rest der Fahrt nicht geöffnet werden. Hauptsache, sie ließen ihn alle in Ruhe.

Von seinem Platz aus ließ er den Blick durch den Wagon streifen. Im gelben Licht der Deckenlampen saßen nur wenige Menschen auf den Sitzen. Draußen, hinter den Fenstern, raste die Dunkelheit vorbei, dann plötzlich Licht, eine Wand, ein Bahnsteig, Betonsäulen mit Plakaten daran, es war die nächste Station. Zischend sprangen die Türen auf. Robert sah, wie weiter hinten eine alte Frau mit einem schwarzen Regenmantel einstieg. Ihr folgte ein Mann mit langen, verfilzten Haaren und schmutzigen Plastiktüten in den Händen, wahrscheinlich ein Obdachloser. Die Türen schlossen sich wieder, die U-Bahn fuhr weiter.

Draußen, über der Erde,
wälzte sich ein grauer Novembersonntag
träge durch die Straßen.
Robert holte das Handy aus seiner Jackentasche und warf einen Blick auf das Display: keine Anrufe, keine Kurznachrichten, keine E-Mails. Er schaltete das Handy aus und steckte es weg. Ihr könnt mich mal. Draußen, über der Erde, wälzte sich ein grauer Novembersonntag träge durch die Straßen. Nicht wirklich kalt, nicht wirklich warm, nicht wirklich verregnet, ein graues Nichts, das den Nachmittag fraß. Er war spazieren gegangen, warum eigentlich?

Die U-Bahn hielt wieder, die Türen sprangen auf. Die alte Frau mit dem schwarzen Regenmantel stieg aus, drei Menschen stiegen ein. Zwei Männer, beide groß gewachsen, beide hatten Mäntel an, sie unterhielten sich. Dann sah Robert sie! Ein Schönes, dunkelblonde Haare, blasses Gesicht. Sie war zusammen mit den beiden Männern eingestiegen, gehörte aber nicht zu ihnen. Die Männer setzten sich und redeten weiter. Das Schöne suchte auch nach einem Platz. Sie sah den Obdachlosen, der schlampig in seinem Sitz hing, ein kurzer Schreck ging durch ihr hübsches Gesicht. Dann ging sie den Gang entlang. Als die U-Bahn wieder anfuhrt stolperte sie leicht. Sie ging weiter, kam an Robert vorbei. Ihr süß-herber Geruch stieg in seine Nase. Dann setzte sie sich in seiner Nähe auf einen der Sitze.

Robert sah sie an. Wie alt die wohl ist? Kann 15 sein, kann 18 sein, das weiß man bei den jungen Dingern doch nie. Und wen schert’s? Sie war schlank, trug einen grauen Turnanzug und hatte eine Sporttasche dabei. Kommt wohl vom Sport. Ob die darum so gut riecht? Das Schöne spürte seinen Blick, rasch drehte er den Kopf weg. Draußen vor den Fenstern raste die Dunkelheit, zum Glück. Er änderte seine Position etwas und starrte durch das Fenster in das Dunkel des Tunnels. In der schwarzen Scheibe spiegelte sich das Innere des Wagons – und da war auch sie. Das Schöne saß still da, hatte sich inzwischen Kopfhörer in die Ohren gesteckt, das Kabel führte zur Sporttasche.

Eine U-Bahn-Station kam und ging. Der Wagon leerte sich langsam. Er betrachtete ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Das Schöne hatte hohe Wangen und einen kleinen Mund. Als sie ihre Haare mit einem Gummi zu einem Zopf zusammen band, fielen ihm ihre Hände auf, sie waren blass, wie ihr Gesicht, und klein. Unter dem grauen Filzstoff der Turnanzugsjacke wölbten sich ihre Brüste. Sie waren nicht sehr groß, alles an ihr schien zierlich zu sein, zerbrechlich. Dann zerplatze ihr Spiegelbild wieder, eine U-Bahn-Station drängte sich in seinen Blick. Nebenbei las er den Namen der Station, er war schon fast zuhause. Die nächste Station musste er aussteigen.

Wieder war Dunkelheit hinter den Scheiben. Er betrachtete sie. Wo die wohl hinfährt? Vielleicht steigt die ja mit mir zusammen aus? Und wenn nicht? Nach seiner Station kam nur noch das Industriegebiet und dann als letzte Station die Wohnblocks am Stadtrand. Wenn die nicht mit mir aussteigt, fährt die bis zur Endstation. Da ist am späten Sonntagnachmittag auf den Straßen nicht mehr viel los. Wie‘s wohl wäre? Ist doch ein Schönes...


Die Fortsetzung der Geschichte trägt den Titel » Verlangen.

Zu den Geschichten gehört auch ein kurzer Essay, er trägt den Titel » Das Böse und Du.

Kommentare:

  1. Großartig geschrieben! Wunderbar die Sprache und wie du die vielen kleinen Details einfängst, den Protagonisten mit nur wenigen Pinselstrichen zum Leben erweckst. Auch gefällt mir, dass du dir Zeit lässt, die Szene sorgfältig entwirfst, bis der Fokus sich auf das eigentliche Thema richtet. Ein wenig irritiert war ich nur, dass er von dem Mädchen konsequent nur als "das Schöne" spricht. Natürlich begreife ich die Intention dahinter, trotzdem blieb die Irritation bis zum Schluss, zumal du ebenso konsequent das "sie" beibehältst, wenn du auf das Personalpronomen zurückgreifst. Da gerate ich beim Lesen ein bisschen ins Holpern. Aber das ist nur eine winzige Kleinigkeit.

    Ich persönlich hätte es ja spannend gefunden zu sehen, wie es nach diesem Moment des Bösen weitergeht, ob und wie er der Versuchung widersteht oder ob er ihr nachgibt. Ich weiß, du möchtest das ganz bewusst der Phantasie des Lesers überlassen, aber ich bin doch so neugierig...

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  2. Hallo Schattentänzerin,

    vielen Dank das Lob, es freut mich ungeheuer, das der Text Dir gefällt. Die Problematik der Titulierung des Mädchens war mir beim Schreiben bewusst. Tatsächlich habe ich hier verschiedene Experimente gemacht, in einer Fassung habe ich das „Sie“ komplett weggelassen, allerdings fand ich, dass so der Lesefluss ebenfalls etwas schwerfällig wurde. Letztendlich musste ich mich hier zwischen zwei Übeln entscheiden, denn die Titulierung als „Das Schöne“ wollte ich gar keinem Fall aufgeben.

    Du bist übrigens schon die zweite Person, die gerne wissen möchte, wie die Handlung weiter geht. Ich denke ernsthaft darüber nach, eine Fortsetzung zu schreiben, vielleicht erzähle ich die dann aus der Perspektive des Mädchens.

    Liebe Grüße

    Pirandîl

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  3. Ein von der Welt angeödeter, gelangweilter Mensch "auf der Kante". Auf welche Seite er springen wird...ich denke, eher auf die böse. Er wird sich "das Schöne" unterwerfen wollen, oder es gar vernichten wollen. Er braucht den Kick!
    Jedenfalls komme ich nach dem Lesen des vorzüglichen Textes zu solcher Meinung...

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  4. Da schließlich ich mich "wildgans" an. Vor allem da der Blick auf das Handy vermuten lässt, dass er auch noch frustriert zu sein scheint (wartet er vielleicht auf die Nachricht einer Frau, von der er weiß, dass sie sich nicht melden wird?) und die Objektivierung des Mädchens bzw. des späteren Opfers (?) bereits stattgefunden hat.

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  5. Hallo Wildgans und Anonym,

    vielen Dank für Eure beiden Kommentare, es stimmt, die Figur Robert erweckt nicht den Eindruck, als ob er sich gegen seinen persönlichen bösen Impuls wehren wollte. Ob er dies vielleicht doch noch tut, ob dieses Sich-zur-Wehr-setzen bei ihm überhaupt noch Sinn macht und ob das Mädchen wirklich ein Opfer ist, es bleibt abzuwarten.

    Liebe Grüße

    Pirandîl

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