Mittwoch, 8. Januar 2014

Das Böse und Du

Der Schlund, © Pirandîl
Glaubst Du an die Existenz des Bösen? Ich glaube daran. Natürlich stelle ich mir dabei nicht einen gehörnten Kinderschreck mit Pferdefuß vor, das wäre lächerlich. Aber so etwas wie ein Prinzip des Bösen, das in der Welt wirkt, gibt es meiner Meinung nach.

Ich sollte zuvor erklären, dass ich auch an die Freiheit des menschlichen Willens glaube. Denn egal welchen äußeren Zwängen wir ausgesetzt sind, die Entscheidung „ja oder nein“ im Sinne eines „dafür oder dagegen“ können wir immer treffen, unabhängig davon, ob wir die konkrete Situation eigenmächtig verändern können oder nicht. Menschen haben hinsichtlich ihres bloßen Willens also immer die Wahl. Wer die Wahl hat, der hat aber immer mindestens zwei Alternativen, richtig oder falsch, oder eben auch gut oder böse.

Dabei ist die Definition des Bösen natürlich immer auch eine zutiefst subjektive und zugleich auch kulturelle und historische Frage, doch das Prinzip des Bösen, das ich meine, liegt tiefer als alle kultur-historischen Feinheiten, und kein Mensch ist frei davon. Es ist ein böser Impuls, der dem menschlichen Geist zu eigen ist und der erst in seiner gedanklichen Ausgestaltung in die Bahnen des jeweiligen kultur-historischen und persönlichen Kontextes gelenkt wird. Ich erlebe solche Impulse mitunter an mir selbst, zum Glück nur sehr selten. Ein kurzer Gedankenblitz, die Vorstellung oder Idee einer zutiefst unmoralischen Tat, oft verbunden mit Gewalt-Vorstellungen, so manifestiert sich dieser Impuls bei mir.

Ich kenne dieses Phänomen seit meiner Kindheit und als Kind habe ich einem solchen Impuls auch einmal tatsächlich nachgegeben. Glücklicherweise ging es dabei nur um Gewalt gegen einen Gegenstand und nicht gegen ein Lebewesen, dennoch, ich habe die Tat hinterher sehr bereut. Reue ist übrigens auch ein wichtiges Stichwort im Bezug auf die Freiheit des menschlichen Willens, denn Reue können wir nur empfinden, wenn wir vorher die Wahl hatten. Heute gebe ich diesen Impulsen selbstverständlich nicht mehr nach. Ich erschrecke aber auch heute noch manchmal über mich selbst, wenn mich ein Impuls des Bösen trifft. Keine Tat ist so schrecklich, dass Menschen sie nicht zumindest denken könnten. So lange es beim Denken bleibt, ist das auch kein Problem. Doch was, wenn aus der Idee konkretes Handeln wird?


Warum ich mir diese Gedanken mache? Sie kamen mir beim Schreiben einer  
Kurzgeschichte, bei der es um die Frage nach dem Bösen geht. » Der Moment des Bösen lautet der Untertitel meiner Geschichte. Wie haltet Ihr es mit dem Bösen? Glaubt Ihr an so etwas wie „das Böse“ und wenn ja, welche Erfahrungen habt Ihr damit gemacht?

Kommentare:

  1. Hm, aber das ist doch ganz normal. Der Mensch ist ein Tier, das können auch aufrechter Gang, Sprache, Parfüm und Bikinizonen-Waxing nicht ändern. Schon Naturrechtsphilosophen wie John Locke und Thomas Hobbes wussten ja, dass eine zivilisierte Gesellschaft nur dann funktioniert, wenn alle Mitglieder oder ein überwiegender Teil darüber einkommen, auf Gewalt und Anarchie zu verzichten. Trotzdem ist das Tierische in uns, das Durchsetzenwollen des eigenen Rechts und das Zerfleischenwollen von Gegnern noch Bestandteil unserer Natur.
    Das ist wie mit dem Prinzip Geld: Eigentlich ist das nur ein Stück Papier, aber die Gesellschaft akzeptiert, dass es einen gewissen Wert hat. Würde niemand mehr an Geld glauben, würde es seinen Wert verlieren.
    Ich finde, man sollte das Gewalttätige in sich nicht ausblenden und nicht verleugnen. Solang man ihm mit Vernunft begegnen und es dadurch im Zaum halten kann, ist doch alles gut. ;)

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    1. Hey Dezembra,

      danke für Deinen Kommentar, und natürlich hast Du Recht, die sogenannte „dunkle Seite“ in sich zu verleugnen, ist der absolut falsche weg. Ich vermute sogar, dass der, der das „Böse“ in sich verleugnet sehr viel eher Gefahr läuft, böses zu tun, als der, der sich des „Bösen“ in sich bewusst ist. Nicht ganz bei Dir bin ich jedoch bei Deiner Gleichsetzung des „Bösen“ mit dem Animalischen. Das „Böse“ mit dem tierischen gleichzusetzen wäre schon fast wieder eine Relativierung des „Bösen“, denn ein Tier hat kein moralisches Bewusstsein. Absolut widersprechen muss ich Deiner Feststellung, der Mensch sei „ein Tier“. Nein, Menschen sind keine Tiere, Menschen sind Menschen. Wir folgen nicht nur Instinkten, wir handeln auch bewusst, und eben weil wir bewusst handeln, können unsere Taten auch „gut“ oder „böse“ sein. Der wirklich durch und durch „böse“ Mensch wäre ein solcher, der sich der Verwerflichkeit seiner Handlung bewusst ist – und dennoch mit vollster Überzeugung zur Tat schreitet.

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    2. Ich würde mal behaupten... sollte Darwin recht haben... sind wir Tiere... vielleicht etwas weiter entwickelte... aber dennoch Tiere! ^^

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    3. Hey Eric,

      nichts liegt mir ferner, als den alten Darwin leugnen oder widerlegen zu wollen. Ich sehe mich selbst auch gar nicht im Widerstreit mit ihm, denn wie Du selbst schon sagst, höher entwickelte Tiere. Der Grund, warum ich so hartnäckig darauf beharre, dass Menschen Menschen und keine Tiere sind ist ein ganz einfacher: Ich weigere mich strikt, „den Menschen“ aus seiner Verantwortung zu entlassen. Darum trete ich gegen alles ein, was auch nur ansatzweise in diese Richtung geht.

      Das mag nun vielleicht etwas seltsam klingen, aber eben weil ich an die Existenz des „Bösen“ glaube, glaube ich auch an den Menschen und dessen Fähigkeit zum „Guten“.

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  2. Es ist interessant, dass du diese Diskussion aufwirfst. In der Geschichte, an der ich gerade sitze, geht es nämlich auch um das Böse. Ich habe einen Menschen zum Protagonisten gemacht, der etwas wirklich Böses tut, und lasse ihn die Geschichte aus seiner Perspektive erzählen. Er ist sich zwar bewusst, dass er ein Verbrechen begeht, aber natürlich gibt es aus seiner Perspektive gute Gründe dafür.

    Ich persönlich halte es für schwer, das "Böse" fassen zu wollen. Es ist wohl auch nicht von unserer Kultur zu trennen, denn erst die Entwicklung von Kultur und Moral lässt so etwas wie "das Böse" entstehen. (In der Natur gibt es zwar jede Menge Tod, Brutalität und Zerstörung, aber nichts Böses.) Jedenfalls glaube ich, dass beides im Menschen angelegt ist, dass der Mensch grundsätzlich zu beidem fähig ist. Nietzsche war ja beispielsweise der Meinung, dass gerade die Fähigkeit zum Bösen den Menschen über das Tier hinaushebt oder ihm zumindest eine Sonderrolle als "interessantes Tier" zuweist. Inwieweit der Mensch tatsächlich in vollem Umfang für das, was er tut, verantwortlich ist, ist eine komplexe Frage, die ich selbst nicht letztgültig zu beantworten vermag.

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    1. Hallo Schattentänzerin,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich muss leider bekennen, dass ich mit Nietzsches Schriften nicht wirklich vertraut bin, aber die Idee, die Fähigkeit zum Bösen als das genuin Menschliche anzusehen, kann ich sofort unterschreiben. Was die Verantwortung betrifft, natürlich muss immer auch die Situation betrachtet werden. Ein Kind oder ein Betrunkener ist etwas anderes, als ein Erwachsener bei klarem Verstand.

      Ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deiner Geschichte, ich wäre sehr interessiert, sie zu lesen, wenn sie fertig ist.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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    2. Ich fürchte, das wird lange dauern, bis die Geschichte fertig ist. Ihrem Umfang nach wird das nämlich ein Roman. Und ich bin mir überdies nicht so sicher, ob mein Genre so ganz das deine ist...

      Herzliche Grüße,
      Schattentänzerin

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  3. Vielleicht interessiert in diesem Zusammenhang dieser neue Film:

    http://www.fbw-filmbewertung.com/film/das_radikal_boese

    Gruß von Sonja

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    1. Hallo Sonja,

      danke für diesen Film-Tipp, ich denke, ich werde mir die Dokumentation ansehen.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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    2. Noch ein Hinweis dazu: Über diesen Film kommt am Sonntagabend in der ARD-Sendung TTT ein Beitrag!
      Gruß von Sonja

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  4. Wann kommt denn die Kurzgeschichte zu dem Text? *gespannt*

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    1. Hey Dezembra, die Kurzgeschichte zu dem Text ist bereits online, hier der Link:

      http://pirandilsblog.blogspot.de/2014/01/ein-schones.html

      Aber tatsächlich plane ich auch eine Fortsetzung dieser Geschichte, ich muss nur noch die Muße dazu finden.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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  5. Wenn man sich einmal vom kirchlichen Dogma des Gut und Böse befreit, dann sieht die Sicht ganz anders aus. Es gibt kein Gut und kein Böse, nur eine Handlungsweise aus unterschiedlichen Sichtweisen. Zum Schaden oder Nutzen für andere. Etwas tiefer blicken, abstrakter blicken, Zusammenhänge erkennen.

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    1. Hallo Marcel,

      ohne Zweifel sind die Antagonismen „Gut“ und „Böse“ zutiefst menschliche Kategorien, aber ob man sie deshalb komplett negieren sollte? Letztendlich ist jeder für seine Handlungen Verantwortlich und natürlich auch nur für diese, nicht für seine unausgesprochenen Gedanken. Der Verantwortung für das eigene Handeln entkommt man jedoch nicht. Das relativieren des Gut-Böse-Antagonismus ist darum sicher ein wichtiger Schritt hin zu einem aufgeklärten Denken, da bin ich sofort bei Dir. Den Schritt, den Gut-Böse-Antagonismus komplett zu negieren, gehe ich aber nicht mit, würde damit doch auch die Verantwortung des Einzelnen negiert, und auch dieser Verantwortung entlasse ich den Menschen nicht.

      Liebe Grüße, Pirandîl

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