Donnerstag, 19. Dezember 2013

Weißer Schnee

Heute stelle ich Euch die kurze Erzählung „Weißer Schnee“ vor. Darin geht es um Johann, der den Sportunterricht schwänzt und erfährt, was es mit sich bringt, ein Mann zu sein.

Weißer Schnee


Johann verließ die Schule durch den Südeingang. Auf dem Schulhof lag Schnee, es hatte den ganzen Mittag über geschneit. Noch immer wirbelten kleine Flocken durch die Luft. Der metallisch-feuchte Geruch des Schnees war überall. Er blieb stehen und schloss die Augen; er spürte die schreckliche Gegenwart seines Geschlechts, ein pulsierender, alles andere übertünchender Druck in seinem Schoß. Tief einatmen, die Luft schmeckt nach Schnee, alles ist weiß. Die Kälte tut gut, feuchte, klebrige Kälte. Er öffnete die Augen wieder und ging ein paar Schritte. An der Wand der Turnhalle blieb er stehen. Mit dem Rücken dagegen gelehnt vergrub er die Hände in den Jackentaschen. Es ist so still. Mit dem Schnee kommt die Stille. Ich höre genau, dass ich nichts höre. Der Himmel ist wie Blei, es wird weiter schneien. Der quälende Druck in seinem Schoß ebbte langsam ab. Er schloss wieder die Augen und atmete Schneeluft ein. Dann nahm er die Zigarettenpackung aus der Jackentasche und suchte nach dem Feuerzeug. Bevor er anfing zu rauchen blickte er sich um, fast automatisch, doch es war kein Lehrer zu sehen. Niemand war dort, er war allein. Nur Schnee, weißer Schnee, noch völlig unberührt. Noch sind keine Spuren darin, bis auf die paar Schritte von mir. Noch ist er weiß, später wird er dreckig sein, besudelt, verschmutzt, zerstört. So ist es immer.

Er zog an der Kippe, bitterer Rauchgeschmack füllte seinen Mund, rann seinen Hals herunter, hinab in die Lungen, nun war es gut. Der Druck in seinem Schoß war verschwunden. Er rauchte weiter, blies Rauch in die Winterluft, es war schön alleine zu sein. Über ihm klappte ein Fenster auf, sie hatten eines der Klappfenster unter der Decke der Turnhalle gekippt. Die Heizung ist wohl wieder zu hoch eingestellt, der Hausmeister dreht sie immer zu hoch im Winter. Durch den Fensterspalt hörte er die Geräusche aus der Turnhalle, ganz matt, wie von sehr weit her. Das dumpfe Aufschlagen der Bälle, die Rufe des Lehrers, das Atmen und Keuchen der Anderen. Sie spielen Handball. Es ist gut, dass ich gegangen bin. Zwei Fehlstunden mehr oder weniger, das macht nun auch nichts mehr. Er schloss die Augen wieder und hörte genauer hin. Ob ich Fabians Stimme durch das Fenster erkennen kann? Bestimmt, beim Handball spielt er sich immer auf und brüllt Kommandos aus dem Tor. Er steht immer im Tor. Da, das war er bestimmt. In der Umkleidekabine hat er sich auch aufgespielt. Es ist gut, dass ich gegangen bin.

Johann hatte nicht vorgehabt, den Sportunterricht zu schwänzen. Nach der Schule war er nachhause gegangen, hatte gegessen was seine Mutter gekocht hatte, hatte seine Sportsachen zusammengepackt und war zur Schule zurückgekehrt, um Handball zu spielen. Doch es war zu furchtbar gewesen. In der Umkleidekabine hatten sie geredet. Er wusste nicht, wie sie auf das Thema gekommen waren, als er die Kabine betrat, sprachen sie schon darüber. Sie verglichen Maria und Laura, Maria hatte größere Brüste, nein, Titten, sie hatten Titten gesagt. Aber von Laura hieß es, dass sie viel mit sich machen ließ. Eine Schlampe, nein, eine geile Schlampe, so hatten sie es gesagt. Dann hatte Fabian angefangen: Er erzählte von Ronja und was sie zusammen gemacht hätten. Wie geil ihre Titten seien, wo sie ihn überall berührt hätte, dass er sie gefickt hätte...

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