Sonntag, 24. November 2013

Von den drei Orten

Wer sich mit dem Schreiben beschäftigt, der kommt früher oder später an den Punkt, an dem er sich fragt: Was ist Literatur? Auf diese Frage wurden schon viele Antworten gegeben. Ich bin nicht so vermessen, nun mit meinem Essay eine völlig neue oder gar unumstößliche Antwort hinzuzufügen. Ich versuche aber, aus der Vielzahl der Antworten eine Essenz herauszuarbeiten, von der ich glaube, dass sie den Kern der Sache treffen könnte – oder besser die Kerne?

Von den drei Orten

Eine Patience

Ich sortiere die Gedanken von Lebenden und von Toten, ich lege eine Patience. Wenn dabei von Literatur die Rede ist, so meine ich damit in erster Linie jene Texte, die frühere Autoren noch die Dichtkunst nannten, also die Lyrik, die Epik und die Dramatik. Um diese Gattungen soll es hier gehen, aber es ist dabei nicht meine Absicht, die Literatur neu zu erfinden. Ich will jedoch die Frage nach ihrem Standort stellen, denn Standorte können sich ändern. Auch ist die Frage nach dem Ort der Literatur für den Schreibenden nichts Geringeres, als die Frage nach dem eigenen Ort. Ein fester Boden erlaubt einen sicheren Stand, doch angesichts des Objekts dieser Betrachtung ist diese Aussage mehr als fragwürdig. Denn die Literatur – so behaupte ich – hat nicht einen, sie hat drei Orte.

Literatur ist Botschaft, denn wo Literatur passiert, da hat einer einem anderen etwas zu sagen. Es geht hier um Sprache, also um Kommunikation, doch wer spricht da eigentlich mit wem? Das Modell vom Sender, seiner Botschaft und dem Empfänger, es greift hier nicht. Denn wer ist der Sender? Der Autor natürlich, sein Name steht auf dem Buchdeckel, gleich über dem Titel. Doch Verleger und Lektor sind ebenfalls Sender, ebenso der Grafiker, der den Umschlag entwarf, der Typograf, der das Schriftbild bestimmte. Wer war jener Namenlose, der den Klappentext oder die Buchbeschreibung im Online-Shop verfasste und welche Rolle spielte die hübsche Buchhändlerin, die mir ein lockendes Lächeln schenkte und das Buch so mit einer nie ausgesprochenen und nie eingelösten erotischen Verheißung verkaufte? Literatur, das ist die geronnene Botschaft vieler, die jedoch alle eines gemeinsam haben: Im Augenblick, da ich das Buch lese, sind sie alle so unsichtbar, als hätten sie nie existiert. Sie gehen so restlos im Text auf, dass der Literatur nichts anderes bleibt, als für sich selbst zu sprechen; Literatur ist Subjekt und Botschaft zugleich. Und der Empfänger, bin das wirklich ich? Ich muss es sein, denn ich lese das Buch. Viele andere lesen es auch, haben es gelesen oder werden es lesen. Noch viele sollten es lesen, oder wenigstens irgendein Buch lesen. Der Kreis der potentiellen Empfänger wird nur begrenzt durch die Barrieren der Sprache und der grundsätzlichen Fähigkeit des Lesens; die Literatur ist eine Braut mit tausend Bräutigamen in der Nacht. Die Beliebigkeit ihrer Adressierung lässt sie zu allen sprechen und damit zu keinem, außer zu sich selbst. Und ich, der ich das Buch lese, ich belausche in Wirklichkeit nur ein Selbstgespräch.

Literatur ist Kunst, denn wo ich der Literatur begegne, da begegne ich dem Menschen. Das schöne Sprechen ist ein Wesensmerkmal der Literatur, denn hier wird Sprache in Form gebracht, hier werden Wörter gewogen und ihr Klang gewertet, und das Nichtgesagte ist dem Gesagten mindestens ebenbürtig. Im Glanz ihrer Schönheit ist die Literatur zudem fast allmächtig, denn alles was nur Vorstellbar ist, unterliegt ihrer Stimme. Selbst die unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten vermag sie zu sagen, auch wenn der Schein, den sie dabei heraufbeschwört, nie das einholt, was er meint. Doch das Sprechen über die Literatur als Kunst kann nicht getrennt werden von dem Sprechen über die Literatur als etwas Künstlichem. Vom Menschen kommend, für den Menschen bestimmt und nur durch den Menschen wirkend – das ist die Literatur. Eine entscheidende Rolle kommt hierbei dem Autor zu, dem großen Unbekannten, der sich hinter seinem Namen auf dem Buchdeckel versteckt, aber gleiches ließe sich auch über all die anderen unsichtbaren Sender sagen. Der Autor ist Demiurg, ohne jeden Zweifel, doch gleichzeitig ist er auch Medium. In seinem Schöpfungsakt fließen Gesellschaft, Kultur und Geschichte durch ihn hindurch, ja die ganze Welt vermag durch ihn Literatur zu zeugen, nicht weil der Autor die Welt, sondern weil die Welt den Autor beherrscht. Darum steht auch nicht das oft beschworene Genie alleine hinter dem Buch, sondern mitunter die gesamte Menschheit seit jenem Tag, an dem das erste Wort gesprochen wurde. Eine ebenso entscheidende Rolle kommt dem Leser zu, dem anderen großen Unbekannten, den kein Autor oder Schriftsteller in seiner Schreibstube jemals gesehen hat, und der doch beim Zeugen der Literatur stets unsichtbar mit gezeugt wird. Er – der Leser – muss bereit sein auf Reise zu gehen, sobald er den Buchdeckel aufschlägt, er muss bereit sein zu schweigen und neben sich zu treten, um der Literatur Raum und Stimme zu leihen, und er muss stark genug sein Antwort zu geben, um so – mit viel Glück – vielleicht beim Lesen sich selbst zu ereilen.

Literatur ist Ware, denn wo wir Literatur gebrauchen, da schwelgen wir im Diesseits. Dabei muss zunächst von der Literatur als einem Gebrauchsgegenstand gesprochen werden. Sie mag noch so sehr sich selbst genügen, die Literatur erfüllt seit jeher immer auch Zwecke, die außerhalb ihrer selbst liegen. Der häufigste und nicht unwichtigste ist die Unterhaltung. Doch Literatur vermag viel mehr, als nur die Zeit zu vertreiben. Sie kann erbauen, aber auch Furcht einflößen. Literatur kann belehren, aber auch berauschen, sie löst Revolutionen aus oder verhindert sie. Literatur kann aus der Welt entführen, Menschen vereinen und entzweien, sie kann Schmuck und bloßes Zierrat sein, sie kann geliebt, vergöttert und gehasst werden. Wo Literatur benutzt wird, da wirkt sie auf ihre Umwelt und zwar immer im Hier und Jetzt. Schon ihre bloße Existenz birgt das Potential des Wirkens in sich und nur weil Literatur in der Welt wirkt, gebrauchen wir sie. Ihre Wirkung ist ihr Wert als Gebrauchsgegenstand und wie alles was Wert hat ist auch die Literatur in unserer durchkapitalisierten Gesellschaft zur Ware geworden. Schon die Sprache verrät es, wir haben einen Literaturmarkt, kennen die Buchhandlung um die Ecke und die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt. Es gibt Literatur in Kaufhäusern und ganze Kaufhäuser nur für Literatur. Es gibt sogar Literatur im Schlussverkauf und vom Wühltisch. Doch als Gebrauchsgegenstand und erst recht als Ware ist Literatur auch gesellschaftliches Objekt. Da sie aber stets Wirkung hat, ist sie immer auch zugleich gesellschaftliches Subjekt. Denn Literatur muss in der Gesellschaft sein, hier ist die Öffentlichkeit, die sich bereits im Akt der Niederschrift manifestiert, hier wird die Literatur aber auch als Ware gehandelt. In der Gesellschaft entfaltet die Literatur zudem auch Wirkung, denn wir, der wir sie im Privaten gebrauchen, tragen ihr Wirken hinaus in die Welt. Darum betrifft Literatur nicht nur den Einzelnen, sondern potentiell die ganze Gemeinschaft, weshalb auch stets in der Gesellschaft über die Rechte und Pflichten der Literatur verhandelt, mitunter auch gestritten werden muss – und nur dort, wo die Literatur frei ist, sind es auch die Menschen.

Vieles von dem, was gesagt wurde, kann natürlich auch von anderen Medien so oder so ähnlich gesagt werden, doch ich will hier weiter nur von der Literatur sprechen. Ihre Orte bedingen einander mindestens ebenso, wie sie sich widersprechen. Dabei dürfen sie nicht als ein Entweder-Oder verstanden werden, die Literatur ist immer an allen drei Orten zugleich. Wer nun ein Dreieck vor seinen Augen sieht, der hat das richtige Bild im Kopf, doch ist es eine rein irdische Trinität, von der ich hier spreche, ein dreifacher Schriftsinn von Menschen gemacht. Im Spannungsfeld der Dreieinigkeit ihrer Orte ereignet sich die Literatur – manchmal ist sie sich dessen sogar bewusst.

Kommentare:

  1. Botschaft, Kunst und Ware - gefällt mir gut. Besten Dank für dieses profunde Essay, das zum weiterforschen anregt! LG Lukas

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    1. Hallo Lukas, vielen Dank für Deinen Zuspruch, er freut mich sehr. Tatsächlich fände ich es sehr schön, wenn der Essay seine Leser zum Nach- und Weiterdenken anregen würde. Was die Literatur betrifft, komme ich aus der Praxis des Schreibens und kann die Literatur darum in erster Linie auch nur von dieser Warte aus denken. Ein großer Theoretiker war ich nie, andere sind da mit sehr viel profunderem Wissen ausgestattet. Dennoch war es mir wichtig, meine persönliche Sicht auf die Literatur zu dokumentieren. Irgendwann werde ich auch meinen Essay zum Thema „E-Book“ in den Blog einstellen. Liebe Grüße, Pirandîl

      P.S. Für alle, die nicht so lange warten wollen, mein Essay zum Thema „E-Book“ trägt den Titel „Die Ecke im Blatt“, auf meiner Website Pirandîls Loft bekommt Ihr einen ersten Einblick in den Text: http://www.pirandilsloft.de/essays/eckeimblatt.html

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