Dienstag, 12. Juni 2018

Das Geschenk

Felix wachte auf, als er eine Bewegung neben sich spürte. Die Sonne schien ihm direkt ins Gesicht, er war kurz geblendet, als er die Augen aufschlug. Dann sah er Lia über sich stehen. Sie hatte nur ihren Slip an und lächelte zu ihm herunter: „Entschuldige bitte, dass ich dich geweckt habe.“ Ihren BH hielt sie in der Hand. Der Junge schlug die Decke zurück und setzte sich auf: „Wie spät ist es denn?“ Er war noch etwas benommen. „Schon nach acht. Ich muss los, meine Eltern flippen sonst aus.“ Sie ist wunderschön, ging es ihm durch den Kopf. Seine Augen folgten ihr, als sie durch den Raum lief und Rock und Bluse vom Boden aufsammelte. Als sie angezogen war, trat sie wieder vor ihn: „Du bleibst noch hier, nehme ich an.“ „Ja, ich werde David beim Aufräumen helfen.“ Sie ging in die Knie, beugte sich zu ihm und küsste ihn auf den Mund. „Rufst du mich an?“, fragte sie nachdem sie fertig waren. Er hörte sich selbst leise „Ja“ sagen. Dann küsste sie ihn noch einmal, schlüpfte in ihre Schuhe und ging. Felix blieb noch eine Weile sitzen, die Beine in die Wolldecke gehüllt. Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf ihn und Gedanken und Erinnerungen zogen durch seinen Kopf: In einer Woche fängt die Schule wieder an, dann bin ich in der 12. Klasse. Egal. Soll ich sie heute noch anrufen? Oder einfach nur eine SMS schicken? Lias Geruch war noch um ihn, er drang aus dem Stoff der Decke und hüllte ihn ein. In der Nacht hatte sich das Mädchen dicht an ihn geschmiegt. Ihr Körper dicht an seinem, die Berührung von Haut, Hände die greifen und streicheln, Felix erinnerte sich. Haben wir überhaupt geschlafen? Wenn, dann nur kurz.

Ein wenig später roch es im Zimmer wieder wie überall im Haus: Nach alten Steinen, ein wenig feucht, einfach alt. Als der Hafen noch in Betrieb gewesen war, hatte der Bau zu einer Fabrik gehört oder so ähnlich, Felix wusste es nicht genau. Zum Party machen war es hier genial, hier störte es niemanden, wenn es laut wurde. Ob David und die anderen auch schon wach sind? Das war schon wild gestern. Schließlich stand er auf und suchte seine Klamotten zusammen. Beim Anziehen der Sachen ließ er sich Zeit. Felix überlegt kurz, ob er Decke und Isomatte zusammen räumen sollte, machte es dann aber doch nicht. Als er endlich auf den Flur trat war niemand zu sehen, aber er hörte Stimmen von unten aus dem Erdgeschoss. Sie sind also schon wach. Felix ging die Treppe hinunter, lautes Johlen begrüßte ihn. David saß zusammen mit Tobi und Moritz an einem Tisch, die Jungs tranken Kaffee. Um sie herum sah es wüst aus: leere Flaschen, halbvolle Gläser, Pappbecher voller Zigarettenstummel. Es roch nach Rauch und schalem Bier. „Na, wach?“, ein breites Grinsen lag auf Davids Mund, als er den Freund begrüßte. Die anderen grinsten auch. Felix ging zu ihnen und David schenkte ihm Kaffe ein. „War’n voller Erfolg für dich, oder?“, sagte er immer noch grinsend und gab Felix die Tasse. „Krieg ich auch ’ne Kippe dazu?“, war die Antwort. Tobi reichte ihm die Packung und gab ihm auch Feuer. „Erst mal rauchen“, sagte Felix und ging mit Kaffee und Kippe ins Freie. Er wollte doch lieber allein sein.

Draußen schien die Sonne und der Himmel war strahlend blau. Felix trank einen Schluck und zog an der Zigarette, es war ein gutes Gefühl. Sein Blick wanderte über das alte Hafengelände. Mauern, Zäune und alte Bauten, die mit Graffiti besprüht waren. Irgendwo weiter hinten war der Fluss, aber der war von hier aus nicht zu sehen. Er trank Kaffee und rauchte: In einer Woche fängt die Schule wieder an, dann geht’s ums Abitur. Egal. Lia, sie ist wunderschön. Eben ist alles gut. Das war es tatsächlich – in diesem Augenblick. Das Leben war ein Geschenk und das Universum lachte ihn an.

"Universum", eine Installation in Offenbach am Main. Foto: Pirandîl

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man diesen Text eine Kurzgeschichte nennen darf, wahrscheinlich ist es eher eine Szene. Dennoch gehört "Das Geschenk" zu den sieben Texten, die ich in meiner Kurzgeschichten-Sammlung "Graustufen" zusammengefasst habe. Dabei bildet der Text "Das Geschenk" den Abschluss der Reihe, die nun vollständig in meinem Blog veröffentlicht wurde.